Atomenergie - FAQ

Fragen zum Atomprogramm


Welchen Hintergrund hat das Atomprogramm?

"In der Atomtechnologiepolitik der Bundesrepublik Deutschland war das militärische Motiv sehr wesentlich - besonders in den 50er und frühen 60er Jahren. So wurden die ersten 'Atomkraftwerke' nicht für ernergiewirtschaftliche Zwecke ausgelegt, man bemühte sich gar nicht um kostensparende, hoch abbrennbare Brennelemente, preiswerte Moderatoren, effiziente Dampferzeugungs- und Turbinenkonzepte und möglichst hohen Wirkungsgrad. Bonn wünschte vielmehr vorrangig eine schnelle, autarke und effiziente Plutoniumproduktion. Der künstliche Spaltstoff war als Zukunfts-Reaktorbrennstoff deklariert, doch im Kern ging es um seine künftige militärische Nutzung. (...)

Spätestens ab 1956 wünschten Konrad Adenauer und sein Bundeskabinett eine spätere Eigenproduktion von Kernwaffen. (...)

Das erste Atomkraftwerk inländischer Produktion war der sogenannte 'Mehrzweck-Forschungsreaktor' - mit 200 MW thermischer und 50 MW elektrischer Leistung -, zum Zeitpunkt seiner Inbetriebnahme (1965) der weltweit größte Schwerwasser-Kraftwerksreaktor. Die Unterlagen des Atomministeriums und der Atomberatugsgremien bezeichnen den Reaktor bis 1960 als 'Mehrzweck-Reaktor'; er sollte Strom, Plutonium und eventuell gleichzeitig Heizwärme produzieren.

Für die Auswahl des Reaktortyps durch die Atomkommission war allerdings nur die Eignung des Reaktors zur Plutoniumproduktion maßgebend, die Produktionsrate und Isotopenzusammensetzung. (...)

Die Bundesregierung fand [in den 70er Jahren] eine politisch geniale Auffanglösung, [um die AKW-Betreiber zur Plutoniumherstellung zu zwingen,] die eine direkte Staatsintervention vermied und das Budget schonte. Bonn deklarierte die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoff zu einem notwendigen 'nuklearen Entsorgungsverfahren' und verpflichtete alle Betreiber von Kernkraftwerken zum abtrennen von Plutonium. Diese technologiepolitische Umdeutung der Wideraufarbeitung verwirrt bis heute die Öffentlichkeit. (...)
Freilich schoss Bonn Subventionen zu, übernahm die gesamten Forschungs- und Entwicklungskosten der Wiederaufarbeitung und erkundete unter Staatsregie ein Atommüll-Endlager. [Gorleben] (...)

Noch bleibt der Ursprung jener politischer Triebkraft zu klären, die der Atompolitik der Bundesrepublik Deutschland schon ab den 50er Jahren zu solch hohem Rang verhalf. (...) Zu den wichtigsten Zielen der Nachkriegs-Außenpolitik Bonns gehörte der Wunsch nach Aufhebung der territorialen Teilung des Landes. Die Wiedervereinigung mit der 'Ostzone' und die Eingliederung der 'Ostgebiete' jenseits der Oder-Neiße-Linie hatten einen sehr hohen Stellenwert.

Zwischen dieser 'Deutschlandpolitik' und der Atom-Außenpolitik existiert ein zunächst nicht öffentlich gemachter Zusammenhang. Er wird erst in der zugespitzten Debatte der 60er Jahre benannt, als Bonn den Atomwaffensperrvertrag vorgesetzt bekommt und in seiner bisherigen Atompolitik mit dem Rücken zur Wand steht. Der Konnex lautet, Deutschland könne erst nach seiner Wiedervereinigung auf den Erwerb von atomwaffen verzichten. (...)

Die Atompolitik war ein strategisches Element der Deutschlandpolitik. Dies verlieh ihr den hohen Rang und erklärt die einhergehende horrende technologiepolitische und finanzielle Anstrengung sowie die Widerborstigkeit der Regierung gegen die Risikobedenken der Bevökerung."

Roland Kollert, Studie der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, 2000


© 2000 Institut zur Förderung von Akzeptanzproblemen in der Atompolitik.

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