| Wolfgang Ehmke Gorleben ist verbrannt. Es waren keine geologischen Gründe, die zur Standortwahl führten. Es waren politische Überlegungen. Ernsthafte fachwissenschaftliche Kritik wurde ignoriert, denn den gleichen Ärger wie in Gorleben will kein Politiker, gleich welcher Couleur. Ernst Albrecht (CDU), niedersächsischer Ministerpräsident in den Jahren 1976 bis
1990, hatte sich zu Beginn seiner Amtszeit ausschließlich aus politischen Gründen für
Gorleben als Standort des Nuklearen Entsorgungszentrums" entschieden. 17 Jahre
dauerte es, bis jemand, der es wissen musste, wie es zur Standortbenennung Gorlebens kam,
sich outete" und unsere Vermutung bestätigte: Kronzeuge war der damalige
Vizepräsident des niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung (NLfB), Prof. Gerd
Lüttig. Sowohl auf dem internationalen Endlagersymposium in Braunschweig vom 21.-23.8.93 als auch auf einer öffentlichen Veranstaltung in Lüchow im November 93 berichtete Lüttig über die Erfahrungen, die er Ende 1976 machen musste, nachdem er als Gutachter verschiedene Salzstöcke im norddeutschen Raum auf ihre Eignung als Atommüllendlagerstätte hin untersucht hatte. Nach seinem damaligen Urteil sei Gorleben nur dritte Wahl" gewesen, sagte Lüttig. Albrecht habe ihm gegenüber darauf hingewiesen, dass die DDR dicht an der Grenze in
Morsleben eine Atommülldeponie eingerichtet habe. Mit den Worten Jetzt werden
wir´s denen mal zeigen" und Da wird sich die Ostzone schön ärgern",
habe Albrecht dann erklärt, warum er sich ebenfalls für einen Ort an der Grenze,
nämlich Gorleben, entschieden habe. Die gegenteiligen Empfehlungen der Geologen habe
Albrecht mit der Bemerkung abgetan: Ihr kommt auch noch zu eurem Recht." (FR
27.11.93) Ziel einer sicheren Endlagerung radioaktiver Abfallstoffe muss es sein, die von ihnen ausgehende schädigende Strahlung vollkommen von der Biosphäre abzuschirmen. Je nach Zusammensetzung der Abfallstoffe beträgt die notwendige Isolierungszeit wenige Jahrzehnte bis einige 100.000 Jahre. Die geologische Abschirmung muss auch dann noch zuverlässig wirksam sein, wenn sich im Laufe dieser Zeit die geologischen und klimatischen Umweltbedingungen ändern. Geologische Formationen in großer Tiefe ohne Kontakt zum Grundwasserkeislauf bieten sich als Lagerungsmöglichkeit an" (S.7). Diese Zielvorgabe könnten wir unter der Prämisse des Atomausstiegs bedenkenlos gutheißen. Die Endlagersuche muss sich folgerichtig auf tiefe geologische Formationen konzentrieren. Als der Standort Gorleben ins Spiel gebracht wurde, warnte jedoch das NLfB (Die hydrogeologischen Gegebenheiten im Raum Gorleben, derzeitiger Kenntnisstand und Vorschläge zur weiteren Erkundung", S. 4/5 Februar 1978): Es habe auch in jüngster Zeit (geologisch betrachtet!) aktive Ablaugungsvorgänge an
der Salzstockoberfläche gegeben; Die Bohrprotokolle, soweit sie der BI vorlagen, belegten: Es gab Salzlauge oberhalb (!) des Gipshutes, Gaseinbrüche und Carnallit-Einschlüsse (Carnallit-Kristalle schmelzen schon bei ungefähr 850 Celsius und setzen Wasser frei). Hinzu kam eine äußerst komplizierte Verfaltung des Salzstocks. Wissenschaftlich fundiert wurde die BI-Kritik durch ein 300 Seiten umfassendes Gutachten des Kieler Quartärgeologen Prof. Dr. Klaus Duphorn, der im Auftrag der PTB die Bohrergebnisse unter die Lupe nahm. Erste wichtige Feststellung ist nach einem ausführlichen Bericht der taz vom 6.7.82, dass der Salzstock sich in der jüngsten geologischen Erdzeit, dem Quartär, und nicht wie erhofft im Tertiär herausgebildet hat. Auf 7,5 Quadratkilometer Grundfläche lägen mächtige, wasserführende Schmelzwassersände ohne wasserhemmende Ton- oder Gipsschichten direkt auf dem Salzgestein. Über der Nordhälfte - heute wird ausschließlich die NO-Flanke nach der Reduktion der Endlagerpläne um 50% erkundet" - seien an mehreren Stellen Verbindungen zum oberen Grundwasserstockwerk vorhanden, dadurch sei Salzwasser bis auf 70 m unter Gelände aufgestiegen. Durch Ablaugungsprozesse habe sich eine Rinne gebildet. Ein Relikt des ursprünglichen Salzstockoberteils sei eine Aufragung (steiler Zahn"), die bis zu 133m unter die Erdoberfläche herankomme. In den Salzstockflanken würden die Sedimentsschichten mit einem spezifisch höheren Gewicht als das Salz nach unten sacken und das Salz regelrecht dadurch hochpressen. Am 5. Juli 82 konterte" der parlamentarische Staatssekretär des
Bundesministeriums für Forschung und Technologie, Erwin Stahl, mit einer
Pressemitteilung, in der es heißt, dass aufgrund der Thesen" (sic!) Prof.
Duphorns zur Zeit kein grundsätzlich neuer sicherheitsmäßiger Sachverhalt
erkennbar sei". Ein Erfordernis zur Untersuchung weiterer Standorte sei laut Stahl
derzeit nicht gegeben" Anschließend wird Unter der Überschrift Wachsende Kritik an der Studie über Sicherheit des Endlagers Gorleben" berichtet die EJZ am 25.10.82 über die erste Bürgerdialog-Veranstaltung in Hitzacker. Neun Stunden lang diskutierten Wissenschaftler und Bürger/innen die vorläufige Studie des Projekts Sicherheitsstudien Entsorgung", die unter einer Wissenschaftlergruppe der TU Berlin unter Prof. G. Memmert im Auftrag des Bundesinnenministeriums erarbeitet worden war. Der Bund hielt an Gorleben trotz der Rinne" und des steilen Zahns" fest. Umstritten waren auf dieser Veranstaltung vor allem die Rechenmodelle Memmerts, die beweisen sollten, dass auch bei einem Absaufen des Salzstocks nach Einlagerung von Atommüll die natürlichen Barrieren ausreichten, um die Strahlenbelastung über Tage hinreichend klein" zu halten. Zu offensichtlich wurde, dass mit diesen Aussagen dem Salzstock das Prädikat geeignet" verliehen werden sollte. Dr. R. Martens von Institut für Geographie und Wirtschaftsgeographie der Uni Hamburg zweifelte die Aussagekraft der Studie an, sie würde eine Reihe von Vereinfachungen enthalten und derart weitgehende Prognosen seien unhaltbar. Sekundiert wurde dessen Aussage durch den Bremer Diplom-Physiker Gerald Kirchner, der den Risikozeitraum von 10.000 Jahren, der der Studie zugrundelag, als zu gering bezeichnete. Die Frage wurde am Ende laut gestellt: Warum gibt es keine parallele Erkundung mehrerer Salzstöcke? Warum wird nur Salzgestein als Endlagerformation in Betracht gezogen?
Am 20. Juni 1984 fand eine öffentliche Anhörung des Innenausschusses des Deutschen Bundestags zum Bericht der Bundesregierung zur Entsorgung der Kernkraftwerke und anderer kerntechnischer Einrichtungen" statt. Von den 9 Gutachtern sprachen sich 5 für den Abbruch derErkundung" des Salzstocks Gorleben aus (vergl. 416-seitiges Protokoll, Drucksache 10/37). Die Anhörung blieb ohne politische Konsequenz. Im Juli 1985 folgte eine Anhörung von Experten durch die niedersächsische SPD-Landtagsfraktion. Die weitere Erkundung des Salzstocks sei grotesk", sagte Prof. Eckard Grimmel. Prof. Duphorn empfahl als Extremlösung", von Gorleben abzurücken oder zumindest gleichzeitig andere Salzstöcke obertägig zu erkunden. Statt eines bergmännischen Aufschlusses plädierte Prof. Duphorn dafür, weitere Tiefbohrungen durchzuführen. Der Standort Gorleben war eine politische Entscheidung und ist es bis heute geblieben", stellte Prof. Günter Hermann fest (EJZ 5.7.85). Erstmalig tritt auch die PTB offen für Parallelbohrungen" ein. Das aber sollte herbe Konsequenzen haben: am 25.7.85 berichtet die Frankfurter Rundschau, Bonn habe der PTB neue Überlegungen zur Standortsuche untersagt (Maulkorb für kritische Äußerung über Gorleben"): Die Bundesregierung hat der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB)
untersagt, Überlegungen anzustellen, ob als Alternativen zum Gorlebener Salzstock auch
andere mögliche Endlagerstätten für Atommüll erkundet werden sollten. Professor Helmut
Röthemeyer von der PTB bestätigte am Mittwoch die Existenz dieser Weisung und
bezeichnete sie als eine unangenehme Sache". Schließlich bezeichnete Prof. Seibold, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, den Salzstock Gorleben als ungeeignet für ein atomares Endlager (NDR-Hörfunk, 15.10.85, Aus Forschung und Technik"). Natürlich werde der Salzstock nicht gesundgebetet", sagte
Bundesforschungsminister Dr. Riesenhuber in Gorleben anlässlich des Festes des
ersten Kübels", dem Beginn des Schachtabteufens am 18.9.86. Die Kritik an der
Rechtsgrundlage der Erkundung", die auf der Basis des Bergrechts vorgenommen
wurde, das normalerweise der Gewinnung von Bodenschätzen Anwendung findet, wies
Riesenhuber zurück. Unter den heutigen Gegebenheiten sollten nicht nur den Abbau
interessanter Stoffe, sondern schon allein die für eine Einlagerung von Abfällen
geeigneten geologischen Formationen als Bodenschätze betrachtet werden, denn die
Atommülllagerung sei durchaus ein Wirtschaftsfaktor (EJZ 20.9.86). Die Bundesregierung mauert permanent. Eignungskriterien, so weit sie überhaupt vorlagen, werden schleichend revidiert. Das Mehrbarrierenkonzept, mit dem verhindert werden sollte, dass Radioaktivität über Wasserwegsamkeiten in die Biosphäre dringt, wird aufgegeben. Dem Deckgebirge käme, wenn die wassersperrige Tonschicht über dem Salz fehle, deshalb eine Barrierefunktion zu, weil es zu einer hohen Verdünnung" der Radioaktivität im Deckgebirge käme, behauptet Prof. Röthemeyer (PTB) in einem Buch (Endlagerung radioaktiver Abfälle. Wegweiser für eine verantwortungsbewusste Entsorgung in der Industriegesellschaft", 1991) - eine Risikostreuung ganz besonderer Art. Letztlich klammert sich der Bund an den unwissenschaftlichen Begriff der Eignungshöffigkeit", sobald es um Gorleben geht. Abgeleitet ist der Begriff von Hoffnung". Hoffen tun wir auch: auf wissenschaftlich fundierte Einsicht, dass der Salzstock als nukleares Endlager untauglich ist und den Mut von Politikern und Behördenvertretern, daraus adäquate Schlüsse zu ziehen. |
Bearbeitet am: 25.10.2008/ad