Die Castor-Behälter in Gorleben, Niedersachsen. Wirft man ein Ei dagegen, wird es sofort
zum Spiegelei, so heiß strahlt der radioaktive Müll

Foto: Rainer Jensen/dpa
Hätte mich der Teufel persönlich (er ist ein guter Mäeutiker) vor einem halben Jahr
gefragt, was denn eigentlich Gorleben sei, hätte ich eine diffuse Antwort gegeben. Nun,
Gorleben, hätte ich gesagt, das ist
irgendwo in Norddeutschland, hm
nach
Gorleben kommen die Castor-Transporte aus La Hague. Dort gibt es ein Lager
ein
Lager für Atommüll. Der Teufel, freundlich: Ein Lager? Was denn für ein Lager? Nun,
hätte ich gesagt, es gibt da so einen Salzstock. Tief in der Erde. Sie wollen das Zeug
verbuddeln. Der Teufel: Im Salzstock? Interessant. Ist das endgültig? Ich meine, haben
sie das entschieden, steht das fest? Ich: Nun, es gibt Proteste. Menschen dort ketten sich
vor den Zügen an. Sie wollen verhindern, dass der Castor ankommt. Der Teufel: Wo ankommt?
Ich: Nun, im Lager natürlich! Der Teufel: Im Salzstock? Ich: Nun, ja, was soll die Frage?
Der Teufel hätte mich hier noch viel freundlicher angeschaut, dann hätte er seinen
Mund in ekelhafter Weise gespitzt und, nun zielsicherer, gefragt: Hast Du einmal etwas von
dem Wort Zwischenlager gehört? Ich: Ja, Zwischenlager, klar, sie nennen es
Zwischenlager. Zwischenlager Gorleben, so heißt es, jetzt erinnere ich mich.
Der Teufel: Und was ist mit dem Wort Endlager? Ich: In der Tat, das Wort gibt
es auch. Nun, es ist so (hätte ich vermutlich gesagt): Das Endlager ist nicht genehmigt,
deshalb ist Gorleben ein Zwischenlager. Es gibt beide Worte: Endlager und
Zwischenlager. Gorleben als Zwischenlager Gorleben ist genehmigt, Gorleben als Endlager
Gorleben nicht. Der Teufel: Und wo sind jetzt also die Castoren? Ich meine, was passiert
denn, wenn Gorleben als Endlager nicht genehmigt wird? Wenn irgendwo anders ein Endlager
hinkommt? Ich: Na, dann holen sie die Castoren wieder raus und bringen sie dorthin. Er:
Sie holen sie dann wieder aus dem Salzstock? Ich: Ja, was soll die Frage?
Dieses Gespräch mit dem Teufel hat leider nie stattgefunden, es hätte mich
nachdenklich gemacht. Seit einem halben Jahr wohne ich im Wendland, in der Nähe von
Gorleben. Ich bin etwas fassungslos, wenn ich versuche, meine frühere semantische
Totalverwirrung zu rekonstruieren. Gorleben ist ein einfaches Phänomen, aber man versteht
es offenbar erst, wenn man davor gestanden hat. Gorleben, dieser einfache Sachverhalt, der
tatsächlich in nur wenigen Begriffen jedem verständlich gemacht werden kann, ist
offenbar bereits für die öffentliche Informationsbenutzeroberfläche viel zu
kompliziert. Drei Begriffe auseinander zu halten (Zwischenlager, Endlager, Salzstock) ist
für uns zu kompliziert.
Aber die Geschichte des letzten halben Jahres im Einzelnen. Im Juni kommt jemand,
nennen wir ihn der Einfachheit halber Axel, den Wendländer, zu mir rausgefahren (ich
wohne in einem Dorf) und sagt, komm, wir fahren raus nach Gorleben zum Lager, damit Du das
mal siehst. Ich sage: Warum nicht? Also los. Während der folgenden zwei Stunden erinnere
ich mich oft an früher gesehene Fernsehbilder: eine grüne, turmartige Halle mit Kran und
einem Zaun davor (die Verladestation bei Breese), einige Kilometer weiter ein
firmenartiger Komplex, mit einer ebenfalls grünen Halle, die aussieht wie aus Blech.
Einen Kilometer weiter ist ein Gelände mit einem Bohrturm (oder zwei?), auch das hatte
ich öfter gesehen. Nach diesen zwei Stunden hatte ich das, was sich mir aus dem Fernsehen
heraus nie zu einem wirklichen Bild zusammengefügt hatte, endlich begriffen.
Um es verständlich zu machen, muss ich hier den Gang eines Castor-Behälters von
Frankreich nach Gorleben kurz schildern. Vorab aber, was ist ein Castor?
Ein Castor-Behälter ist eine Metallhülle, in der in Glas eingeschmolzener, hoch
radioaktiver Müll verpackt ist. Der Castor strahlt Wärme ab, ich glaube etwa 120 Grad.
Wirft man ein Ei dagegen, wird es sofort zum Spiegelei, kurze Zeit später ist das
Spiegelei aber leider schon ziemlich schwarz. Nun, als in den neunziger Jahren die ersten
Eier gegen die Transporte geworfen wurden, hat man beim nächsten Mal eine Plane
drübergeschlagen. Man muss ja nicht noch sehen müssen, dass die Castoren verdammt heiß
sind. (Heute reisen sie in schicken Containerhüllen).
Die Castoren kommen auf der Schiene über Lüneburg bis an den Rand der kleinen
Ortschaft Breese in der Marsch (gehört zur Stadt Dannenberg). Dort ist die so genannte
Verladestation, ebenjener hohe grüne Turm mit dem Kran. Dort werden die Castoren in einem
stundenlangen Vorgang vom Zug auf Lkw umgeladen. Denn bis Gorleben gibt es keine weiteren
Schienen. Im Fernsehen hatte ich oft Bilder gesehen von Leuten, die die Abfahrtswege von
dieser Umladestation blockiert hatten. Anschließend geht es in langsamer Kolonne zum
Zwischenlager Gorleben. Das ist das firmenartige Gelände (direkt an der
Straße gelegen, von Zäunen, Wachkameras und Posten umgeben). Nun die entscheidenden
Details: Die Castoren werden dort in die grüne Halle eingefahren. Diese
grüne Halle ist das Zwischenlager, sie und nichts anderes. Dort stehen die Castoren
überirdisch und kühlen erst einmal ab (vulgo: strahlen aus).
Bitte? Eine grüne Halle? Wo ist denn da der Salzstock? Nun, das habe ich Axel, den
Wendländer, damals auch gefragt. Wir fuhren vom Zwischenlager aus weiter. Etwa einen
halben Kilometer später biegt mein Wendländer in den Wald ab, wir umrunden dort in
minutenlanger Fahrt einen riesigen, völlig abgeriegelten, mit meterhohen Mauern umgebenen
Bezirk, der wie militärisches Sperrgebiet aussieht. In der Mitte der gewaltigen Anlage
sieht man zwei Bohrtürme, einen alten und einen neueren, beide mir diffus aus dem
Fernsehen bekannt. Unter den Augen der dortigen Wachmannschaft stellt Axel das Auto ab und
löst mir endlich das Rätsel.
Alle denken, die Castoren seien längst verbuddelt
Die Castoren, sagt er, werden die nächsten 30 oder 40 Jahre im Zwischenlager stehen
(also in der grünen Halle neben der Straße). Dort sollen sie ein wenig auskühlen, und
in frühestens circa 30 Jahren sollen sie geöffnet und der Müll soll in kleinere
Pollux-Behälter (sic! Deshalb also Castor!) umgebettet werden.
Diese kleinen Pollux-Behälter sollen dann in den einen Kilometer entfernten Salzstock
hinabgelassen werden, natürlich nur in dem Fall, dass bis dahin der Salzstock als
Endlager für Atommüll genehmigt worden ist. Der Salzstock selbst wird lediglich
dahingehend erforscht, ob er sich als Endlager eignet (im Augenblick gibt es ein
Erforschungsmoratorium, aber das nur am Rande).
Ich reibe mir verwundert die Augen und sage: Moment, Axel, das bedeutet also, dass im
Salzstock keine Castoren sind? Nein, sagt Axel noch mal, sie stehen überirdisch in der
grünen Kühlhalle, nichts weiter. Es ist kein Castor im Salzstock. Es gibt zurzeit nicht
einmal ein Verfahren, wie die Castoren in 30 Jahren geöffnet werden sollen, damit der
Müll in die Pollux-Behälter wandert. Dieses Verfahren wird nun in den nächsten
Jahrzehnten erst entwickelt werden müssen, sagt Axel. Ich sage: Das ist ein Witz! Er:
Nein, das ist kein Witz. Ein Verfahren muss erst noch entwickelt werden, und das geschieht
in einer weiteren Halle auf dem Gelände des Zwischenlagers, in der so genannten PKA
Pilotkonditionierungsanlage. Sie können keine tonnenschweren Castoren in den Stock
hinunterlassen, sie brauchen leichtere Behälter.
Das eigenartige Wort Pilotkonditionierungsanlage erstaunte mich schon gar nicht mehr,
auch wenn es eher nach Fliegerausbildung klingt. Aber ich war völlig verblüfft darüber,
dass mir vorher nicht einmal klar war, dass kein Castor unter der Erde ist und dort die
nächsten Jahrzehnte auch nicht hinkommen wird, weil nicht einmal das technische Verfahren
dafür zur Verfügung steht, den Müll unter die Erde zu bringen.
Wie hatte es zu dieser semantischen Verwirrung in meinem Kopf kommen können? Hatte ich
vorher, vor meiner Ankunft im Wendland, die Begriffe aus Unaufmerksamkeit nicht genügend
auseinander gehalten? War es das? Ich begann außerhalb des Wendlands Leute zu fragen, als
mäeutischer Teufel. Ich fragte meinen Vater, meine Freunde, anderweitige Leute, manchmal
fragte ich sogar bei zufälligen Begegnungen mit mir nicht weiter bekannten Personen. Ich
fragte immer dieselbe Frage, es ist die wendländische Gretchenfrage: Stehen die Castoren
unterirdisch oder überirdisch? Alle antworteten ausschließlich immer: unterirdisch.
Manche wussten sogar, dass die Castoren im Salzstock stehen, so wie ich es vor
einem halben Jahr auch noch wusste.
Das beantwortete aber nicht die Frage nach dem Grund der Verwirrung. Es zeigte nur das
Ausmaß der Verwirrung. Die Republik außerhalb des Wendlands glaubt offenbar, die
Castoren seien unter der Erde. Ich vermute sogar, der größte Teil der Republik glaubt,
Zwischenlager und Endlager seien identisch (Salzstock). Sie glauben wahrscheinlich: Das
Zwischenlager heißt nur deshalb Zwischenlager, weil es als Endlager noch nicht genehmigt
ist. Und gemeint ist immer der Salzstock. Eine grüne, überirdische Blechhalle (es sieht
aus wie Blech) kommt da gar nicht vor. Wie konnte es dazu kommen? Die Frage hat eine
gewisse Brisanz, immerhin handelt es sich um hoch radioaktiven Müll, immerhin handelt es
sich um das größte Umweltproblem, das die menschliche Zivilisation jemals angerichtet
hat.
Am 11.11. dieses Jahres, Karnevalsbeginn. Mein erster Castor-Transport, das ist schon
was. Haben Sie das mal erlebt? Wenn nicht: Sie haben jedes Jahr Gelegenheit dazu. Kommen
Sie mal her, schauen Sie sich das an. Es ist beeindruckend. Sie fahren nach Dannenberg,
steigen dort aus dem Bus, und schon kreisen zehn Hubschrauber über Ihnen. Die meinen Sie!
Haben Sie mal das Wort Allgemeinverfügung gehört? Waren Sie schon mal erfasst von einer
Allgemeinverfügung? Viel Spaß dabei, so was erleben Sie nur hier. 13000 Polizisten
halten einen Landstrich besetzt, von dem überhaupt die wenigsten wissen, wo er liegt.
Im Zuge dieses Transportes am 11.11. habe ich zum ersten Mal die Berichterstattung in
den Medien mit bewusstem Ohr verfolgt, mit wendländischem Ohr, ich kannte ja nun
Gorleben. Ich habe an diesem Tag sofort verstanden, wieso es früher bei mir zu dieser
semantischen Totalverwirrung kommen musste. Eben stehen wir noch, es ist gegen
Mitternacht, vor der Verladestation, wo die brav und tapfer strahlenden Castoren gerade
auf die Laster umgeladen werden, um für die nächsten Jahrzehnte in die straßenseitige
Blechhalle einzufahren. Zehn Minuten später sitzen wir im Auto, umgeben von zahllosen
Polizeibussen, Räumfahrzeugen, mobilen Scheinwerferfahrzeugen, Wasserwerfern et cetera,
da hören wir im Radio Nachrichten. Wir hören immerhin den hiesigen Sender, und zwar den
Nachrichtenkanal. Berichtet wird von dem, wo wir gerade drinstecken, vom Castor-Transport.
Der Berichterstatter schildert kurz das Ausmaß des Widerstands, des Polizeiaufgebots, der
Verzögerung beim Transport (ein paar Stunden), dann spricht er davon (und nun aufgepasst
hiesiger Nachrichtensender!), dass die Castoren auf Laster umgeladen werden, um
anschließend in den vorläufig als Zwischenlager bezeichneten Salzstock in der Nähe
Gorlebens gebracht zu werden. So ein Satz wäre mir vor einem halben Jahr gar nicht
aufgefallen. Der Satz lagert die Castoren in den Salzstock. Auch hier kommt die grüne
Blechhalle (ich nenne sie so) für die nächsten 30 oder 40 Jahre nicht vor. Wir rufen
sofort beim Sender an. Ein dortiger A verweist uns an einen B, dieser an einen C in
irgendeiner Redaktion, und schließlich ist ein sehr freundlicher Mann in der Leitung, der
sich betrübt zeigt und sagt, er wolle gern herausfinden, wer diesen Text verfasst hat.
Wir warten auf Rückruf. Fünf Minuten später ruft der freundliche Mann des hiesigen
Senders an und sagt, der Beitrag stamme aus einem anderen Bundesland (Rheinnähe). Er gibt
uns sogar den Namen des Verfassers jenes Beitrags, aber der ist am Rhein nicht mehr zu
erreichen (klar, es ist ja Nacht). Der freundliche Mann vom hiesigen Sender fragt uns dann
noch: Hm, entschuldigen Sie, vielleicht bin ich nicht ganz auf der Höhe, aber was ist
denn an dem inkriminierten Satz eigentlich falsch? Sind sie denn nicht im Salzstock?
Selbst von den Fachleuten hört man nur ein langes Äh
In der Nacht rede ich mit einer Journalistin von der Elbe-Jeetzel-Zeitung. Sie empört
sich darüber, dass immer wieder selbst ernannte Fachleute in irgendwelchen
Gesprächsrunden auftreten und einem dies und das über Gefahren und Nichtgefahren
erzählen, aber wenn man ihnen die Gretchenfrage stellt (Überirdisch?
Unterirdisch?), kommt plötzlich ein Äh oder ein fundiertes und
entschiedenes Unterirdisch. Der Wortbetrug geht ins Detail: Ein unwissender
Journalist stellte bei einem der vergangenen Transporte einem Sprecher der Betreiber die
Frage: Haben die Castor-Behälter jetzt den Salzstock erreicht? Der Sprecher,
in bejahendem Ton: Die Castoren sind inzwischen in das Zwischenlager
eingefahren. So wird das Missverständnis Programm. Wenn für die
bundesrepublikanische Bevölkerung sowieso schon alle Castoren immer im Salzstock waren,
dann können sie da ja auch bleiben
dann soll man doch das Endlager einfach
genehmigen, denn die Dinger sind ja schon drin.
Am nächsten Morgen Radio, wieder hiesiger Sender. Irgendwelche Landespolitiker
diskutieren anlässlich des neuen Transports, und jetzt wörtlich:
ob das
Zwischenlager als Endlager geeignet sei. Der Teufel steckt im Detail, und dieses hat
hierbei leider eine nicht geringe Halbwertszeit. Das Zwischenlager kann nie Endlager
werden. Es ist eine Halle auf einem ganz anderen Gelände. All das wäre mir, genau wie
Ihnen, vor einem halben Jahr nie aufgefallen.
In meiner Verzweiflung beginne ich zu telefonieren. Ich rufe wahllos Leute an und
frage: Habt ihr gestern Berichte gesehen? Castor? Wendland? Habt ihr? Einhelliges Ja. Die
Leute haben die Nachrichten geschaut. Sie haben Zeitungen gelesen. Sie wissen, es gab eine
kleine Blockade, es waren wieder ein paar mehr Leute da als letztes Jahr et cetera.
Wo sind die Castoren?, frage ich. Salzstock, ist die Antwort.
Alle, immer wieder: Salzstock, unterirdisch, wen ich auch anrufe, von Niedersachsen bis
Bayern, Salzstock, unterirdisch. (Auch viele Polizisten während des Transports glaubten,
es gehe hinab ins Salz. So berichtet die Elbe-Jeetzel-Zeitung am Tag danach.)
In der Ecke sitzt zufrieden der Teufel und lacht mich an.
In meiner großen Not rufe ich meine Mutter an. Sie liegt gerade im Bett,
Mittagsschlaf. Mutter, sage ich, bitte, hast du gestern fern geschaut? Sie: Ja, ich habe
mir Sorgen um dich gemacht. All die Polizisten
Ich: Egal, mir ist nichts passiert,
aber sage mir, sage mir bitte, bitte sage du mir: Wo sind die Castoren? Sie, nachdenklich:
Im Zwischenlager
oder im Endlager
ich weiß es nicht. Ich: Was ist ein
solches Lager? Sie: In diesem Lager müssen sie für die nächsten zehn- oder
hunderttausend Jahre lagern. Ich, bekümmert: Und wie hat man sich ein solches Lager
vorzustellen? Sie: Es ist ein
Salzschacht. Ich, den Tränen nahe: Ein Salzschacht.
Und da sind sie jetzt drin? Sie, nachdenklich, müde: Ja, da drin
Oder noch eine
Stufe tiefer.
Der Schriftsteller Andreas Maier lebt seit einem halben Jahr im Wendland. Seine
letzten Romane: Wäldchestag und Klausen im Suhrkamp Verlag
(c) DIE ZEIT 20.11.2003 Nr.48 |