
vom 29.06.2008
| Lüchow (rwo/weh/inf/bvo). Aktivistinnen von der
Umweltschutzorganisation ROBIN WOOD
protestieren am Dienstag dieser Woche vor der Schachtanlage Asse II bei Wolfenbüttel gegen die dortige verantwortungslose
Lagerung von Atommüll. In dem weltweit ersten unterirdischen Atommülllager droht eine
Katastrophe. Das im Salzstock aufgefangene Wasser ist schon jetzt weit über den erlaubten
Grenzwerten radioaktiv verseucht.
Der Betreiber der Asse, das Helmholtz Zentrum München (HZM), hat für heute Medienvertreterinnen zur Schachtanlage eingeladen. Für den Abend war eine Informationsveranstaltung des Landkreises Wolfenbüttel angesetzt, bei der u.a. das HZM sein Konzept zur Schließung des Bergwerks präsentieren wollte. ROBIN WOOD fordert, jetzt konsequent alle Maßnahmen für die Standsicherheit des Einsturz gefährdeten Bergwerks zu ergreifen und die Option offen zu halten, den Atommüll wieder zurückzuholen. Außerdem fordert ROBIN WOOD Bundesumweltminister Sigmar Gabriel auf, das Verfahren an sich zu ziehen und für eine funktionierende Atomaufsicht zu sorgen. Eine Million Jahre muss - nach Vorgaben der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEO
- der radioaktive Atommüll sicher gelagert werden. Doch in dem so genannten
Versuchsendlager Asse, in dem rund 130.000 Fässer mit leichtund mittelradioaktiv
verseuchtem Müll liegen, ist es mit der Sicherheit schon nach knapp 40 Jahren vorbei. In
der Salzlauge, die auf einer Sohle in der Nähe einer mit Atommüll gefüllten Kammer
aufgefangen wurde, haben sich Cäsium, Strontium und sogar das hochgefährliche Plutonium
gelöst. Die Asse sollte ein Vorzeigeprojekt werden. Hier sollte demonstriert werden, dass auch der Salzstock in Gorleben als Endlager taugt. Das Ergebnis ist eindeutig. Es gibt keine sichere Endlagerung des Atommülls", sagt Dirk Seifert, Energiereferent der Umweltorganisation ROBIN WOOD. Der Bund und das Land Niedersachsen müssen nun alles tun, damit sich das gleiche Desaster im Schacht Konrad und in Gorleben nicht wiederholt. Diese Endlagerprojekte müssen jetzt gestoppt werden."
Seitdem der Skandal um radioaktiv belastetes Wasser in der Asse öffentlich bekannt wurde, ergehen sich das niedersächsische Umweltministerium, das Landesbergbauamt in Clausthal-Zellerfeld und das Helmholtz Zentrum darin, sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des niedersächsischen Landtages hätte Licht in den Dschungel der Unverantwortlichkeiten bringen könnte, wurde aber von, der SPD-Fraktion blockiert. Das Helmholtz Zentrum aber arbeitet daran, für immer zu vertuschen, was in der Asse gelaufen ist. Es will den Schacht fluten und ihn bis 2017 endgültig schließen. ROBIN WOODAktivist Thomas Erbe hält dagegen: Wir fordern, dass in der Asse nur noch Tätigkeiten durchgeführt werden, die der akuten Gefahrenabwehr dienen. Die Rückholung des gesamten Atommülls muss jetzt vorbereitet werden. Wir haben keine Zeit zu verlieren." Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) fasst die Ereignisse zusammen: 24. Juni 2008: Krisengipfel in Berlin. Sigmar Gabriel, Bundesumweltminister (SPD), Dr. Annette Schavan, die CDU-Forschungsministerin; und KettensägenSander", Umweltminister in Hannover (FDP), treffen sich in Berlin, reden über die absaufende Asse, reden sich heraus, keiner will die politische Verantwortung übernehmen. Sie gründen eine Arbeitsgruppe... Dabei liegt auf der Hand: Die Strahlensuppe wurde illegal verpresst, Wassereinbrüche waren schon Ende der 60er Jahre absehbar. Die Zuverlässigkeit der Betreiber ist dahin, die GSF - heute Helmholtz Zentrum München - hat sich auf die Knochen blamiert, aber die Zuständigkeit bleibt wegen des großartigen Sachverstands" - Ministerin Schavan Anfang des Jahres bei ihrem Besuch vor Ort - in der Hand jener Akteure, die das Atommülldilemma zu verantworten hätten. Achtung: das nächste Forschungslabor wird in Gorleben geplant!" Wolfgang Ehmke weiter: Die Vorgänge um die Asse berühren auch das Endlagerkonzept in Gorleben". Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) fordert angesichts des Berliner Krisengipfels, über ein Notfallszenario für das absaufende Atommülllager bei Wolfenbüttel auch die Konsequenzen für das sogenannte Erkundungsbergwerk Gorleben zu ziehen. Der Prototyp für Gorleben, das Bergwerk Asse II säuft ab. Es müssen ehrliche Konsequenzen gezogen werden, Gorleben kommt als wegen des fehlenden Deckgebirges zur Abschirmung von Wasser als Atommülldeponie nicht in Frage", so ein BISprecher. Die Einrichtung eines Versuchslabors in Gorleben - von Umweltminister Sigmar Gabriel favorisiert - wird deshalb mit Vehemenz abgelehnt. Warum beschäftigen wir uns mit der Asse, haben wir zuviel Zeit?" Mit einer rhetorischen Frage eröffnete Gerhard Harder am 20. Juni die Veranstaltung der Bürgerinitiative Umweltschutz zum Atommülldilemma im gut besetzten Saal der Alten Post" in Dannenberg. Im Gegenteil, die Zeit läuft uns davon, das Moratorium in Gorleben läuft aus", mahnte Harder. Aber die Bezüge zwischen der Asse und Gorleben seien der Grund für diese Veranstaltung. Was in der ehemaligen Kaligrube bei Wolfenbüttel geschehe, dürfe sich in Gorleben nicht wiederholen. Jahrelang galt die Asse" als Prototyp für Gorleben, jetzt kämpfen Anwohner
der havarierten Atommülldeponie dafür, den Strahlenmüll herauszuholen, bevor es zu
spät ist. Täglich fließen zwölf Kubikmeter Wasser in die Schachtanlage, und zwar
unkontrollierbar. Der Schacht droht abzusaufen. Das Wasser wird bisher aufgefangen und in
den Grubensumpf abgepumpt. Doch nun wurde publik: die Laugen sind kontaminiert. Mit
Cäsium-137, Strontium, Radium und Plutonium. Das Helmholtz Zentrum, die Betreiberin der
Anlage, beschwichtigt, für Menschen und Umwelt bestünde keine Gefahr, obwohl geringe
Mengen der Salzlösung bereits auf der Sohle aufgefangen werden, in denen nukleare
Abfälle lagern. Als Geologe kartierte er die Region und unterstrich, dass es aus seiner Wissenschaftlersicht für die prekäre Situation klare Indizien gab: die Einsturztrichter (Fachbegriff Dolinen") am Rande des Salzstocks. Das Deckgebirge des Salzstocks sei - ganz im Gegensatz zu anderen - asymmetrisch, auf einer Seite fehlt eine wasserundurchlässige Tonschicht, durch Auswaschungen sei der Boden an dieser Flanke des Salzstocks trichterförmig weggesackt. Die größte Gefahr für ein Salzbergwerk sei generell der Wasserzufluss. Die Laugen verhielten sich hochaggressiv. Befände sich Atommüll in den Schächten oder Kammern, verhielte sich die Lauge hochaggressiv, deshalb der naheliegende Verdacht, dass einige Fässer bereits zerfressen seien. Prof. Schneider: Die Durchlässigkeit des Deckgebirges war von Anbeginn bekannt. Dass dieses bei der Einlagerung von Atommüll außer Acht gelassen wurde, ist ethisch gesehen ein reiner Nullinger". Für die Atomkraftgegner im Wendland drängen sich die Parallelen zwischen der Asse und Gorleben auf. Die Asse" sollte offiziell ein reines Forschungsbergwerk bleiben, aber das politische Hin und Her um die Planfeststellung hinderte Forscher zu keiner Zeit, das Kalibergwerk als Versuchslabor zu nutzen - für Gorleben. Wolfgang Ehmke (BI) warnte einerseits vor Kurzschlüssen". Jeder Salzstock sei individuell", habe seine eigene Struktur, gerade die geologischen Besonderheiten seien nicht eins zu eins von der Asse auf Gorleben übertragbar. Aber die Betreiber der Asse selbst hätten bis in die jüngste Zeit die Pilotfunktion Gorleben hervorgehoben. Zum einen wurden sog. »in-situVersuche« durchgeführt: Radioaktive Abfälle wurden mit Zement und tritiumhaltigem Wasser angemischt, das man durch Röhren in unterirdische Kavernen leitete. Zum anderen wurden radioaktiv strahlende Kobalt-60 Quellen eingebracht, um zu studieren, wie sich Salz verhält, wenn es erwärmt wird. Das hochbrisante Projekt, mit wärmeentwickelnden hochradioaktiven Kokillen aus der US-Atomfabrik Hanford unter Tage zu experimentieren, wurde Anfang der 90er Jahre wegen des massiven öffentlichen Protests gestoppt. Namhafte Gorleben Befürworter wie der Bergbau Professor Klaus Kühn setzen unverdrossen auf Salzgestein i als Endlagermedium. Kühn bescheinigte der Asse sogar noch Sicherheit, als die Lauge schon floss. Ehmke: In Gorleben gab es Laugennester und ungeklärte Wasserzuflüsse in der Phase des Abteufens der Schächte. Geologen warnten vor den Wasserwegsamkeiten und dem porösen Deckgebirge. Das Vertrauen in wissenschaftliche und politische Redlichkeit bei der Endlagerforschung und -suche wird gerade vollends verspielt!" Das Mora torium endet im Jahr 2010. Doch der Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, in
dessen Wallkreis |
Bearbeitet am: 29.06.2008/tv