Atomendlager GorlebenRot-grüne
Versäumnisse
Von Joachim Wille
Auch die ehemalige rot-grüne Bundesregierung ist nach Ansicht des früheren
Gorleben-Gutachters Klaus Duphorn dafür
verantwortlich, dass der Streit über das niedersächsische Endlager-Projekt eskaliert.
"Es hätte längst eine neue bundesweite
Endlagersuche nach wissenschaftlichen Kriterien starten müssen", sagte der Kieler
Geologie-Professor der FR. Die rot-grüne
Koalition (1998 bis 2005) hätte diesen von ihr selbst propagierten Neustart
mit der Mehrheit im Bundestag beschließen
können, meinte Duphorn. "Aber man hat es offenbar aus wahltaktischen Gründen
unterlassen, weil man um Stimmen in den
möglicherweise betroffenen Regionen fürchtete."
Der emeritierte Wissenschaftler war seit 1979 mehrfach als Gutachter mit Gorleben und
Endlagerfragen befasst gewesen.
Zuletzt war er Mitglied im "Arbeitskreis Endlager" (AK-End), der 1998 vom
damaligen grünen Umweltminister Jürgen Trittin
eingesetzt worden war. Dieses Gremium, in dem Atombefürworter und Atomgegner saßen,
erarbeitete eine Blaupause für eine
neue Endlagersuche. Sie ging von einer "weißen Deutschlandkarte" aus. Es
sollten Standorte in Salz-, Granit- und
Tonformationen nach rein wissenschaftlichen Kriterien identifiziert und zumindest eine
Alternative zu Gorleben dann
unterirdisch erkundet werden.
Duphorn verweist darauf, dass der AK-End seinen international gelobten Vorschlag 2002
vorlegte. Doch Rot-Grün habe ein
entsprechendes Gesetzesvorhaben nicht eingebracht, obwohl bis zum Ende der
Schröder-Regierung dafür drei Jahre Zeit
waren. Stromkonzerne und die Opposition von Union und FDP lehnten den Plan ab. "Aber
Rot-Grün hätte die absolut
notwendige neue Suche durchsetzen können", meint Duphorn.
Der Geologe, der ab 1979 im Auftrag der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) die
grundlegenden Untersuchungen
zur Geologie des Gorlebener Salzstocks machte, zweifelt an dessen Eignung für ein
Endlager. Tiefbohrungen hätten bereits
1982 gezeigt, dass drei der vier von der niedersächsischen Landesregierung aufgestellten
Kriterien zur Sicherheit des
Salzstocks nicht erfüllt waren. "Das war mir einfach zu viel. Von Bohrung zu Bohrung
wuchs meine Skepsis", berichtet der
Geologe. Damals gehörte er zu den Anhängern der Atomkraft.
Duphorn warnte davor, das Projekt Gorleben weiter zu verfolgen. Daraufhin verlängerte das
1982 SPD-geführte
Bundesforschungsministerium seinen Gutachter-Vertrag nicht mehr; Geologe Duphorn
finanzierte sein Gutachten dann aus
eigener Tasche weiter.
Das Ministerium veröffentlichte eine Pressemitteilung, in der es hieß:
"Verschiedene Thesen" Duphorns gingen weit über
seinen Arbeitsauftrag hinaus. Zudem betrieb das SPD-geführte Ministerium eine Art Mobbing
gegen den Professor.
In einem Aktenvermerk zu Duphorns Thesen, der der FR vorliegt, heißt es: Duphorn sei nur
"als Quartärgeologe anerkannt",
also nur für ein geologisches Zeitalter kompetent, "weitergehende Qualifikationen
sind nicht bekannt". Der Vermerk wurde
damals von der Lobby-Organisation Deutsches Atomforum an die Gorleben-Kommission
geschickt, in der Politiker aus dem
Kreis Lüchow-Dannenberg saßen.
"Mehrere Geburtsfehler"
Später wurde der Wissenschaftler sozusagen "politisch rehabilitiert". Die
Landesregierung zog ihn hinzu, nachdem es 1987
beim Schachtbau in Gorleben große Probleme gegeben hatte.
Duphorn zufolge hat Gorleben "mehrere Geburtsfehler". Hauptfehler sei,
"dass man auf eine gleichzeitige Erkundung anderer
Standorte verzichtet hat". Das Prinzip der Vergleichbarkeit sei ein
naturwissenschaftliches Grundprinzip.
Zudem sei klar gewesen, dass die Endlager-Planer nie eine breite Akzeptanz bei der
Bevölkerung erreichen würden, "wenn
man sich an einen Standort klammert, und ihn auf politische Weisung hin auch
manchmal unwissenschaftlich mit Zähnen und
Klauen verteidigt". So etwas könne nicht gut gehen. "Erst jetzt nach dreißig
Jahren dämmert diese Erkenntnis auch einigen
Herren in den Chefetagen der Ämter", meinte Duphorn.
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1961023& |