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vom   07.07.1999 

Willkommen im wendländischen Widerstand
Seit 125 Jahren tut die Jeetzel-Brücke gute Dienste; den  Atommülltransporten aber verweigert sich nun der Bau
Von Dietmar Ostermann (Hannover)

Wer das jüngste Mitglied der Antiatombewegung im Wendland   besichtigen möchte, löst in Lüneburg das Ticket und besteigt einen der wochentäglich fünf Züge nach Dannenberg. Bevor er gut eine Stunde später das Ziel erreicht, verlangsamt der ohnehin nicht eben rasant über die Gleise holpernde Zug unvermittelt das Tempo. Die letzte Bahnverbindung in die entlegene ostniedersächsische Pampa kreuzt hier bei Seerau das malerische
Flüßchen Jeetzel. Hier gilt es, mit platter Nase am Fenster möglichst schräg nach unten zu schauen.

Seit 1874 spannt sich an dieser Stelle auf zwei Pfeiler gestützt und von drei Rundbögen getragen eine Stahlkonstruktion über die trägen Fluten, die einst dem allerletzten Schrei der Technik entsprach. 125 Jahre später tut die Brücke noch immer gute Dienste, aber nicht mehr für alles und jedermann. Vor ein paar
Monaten hat sie sich dem wendändischen Widerstand angeschlossen: Bei Routinekontrollen entbößte die Brücke Schäden an Gleisen und Pfeilern. Prompt wurde die zulässige Achslast von 22,5 auf 16 Tonnen reduziert. Während Personenzüge weiter passieren dürfen, ist das widerspenstige Bauwerk für schweren Güterverkehr gesperrt. Schwerer Güterverkehr aber kommt auf der kaum frequentierten Stichstrecke nur angelegentlich und in einer einzigen Variante vor: Atommüll-Transporte nach Gorleben. Die umstrittenen Transportbehälter bringen rund zwanzig Tonnen auf die Achse - zu viel für die bröckelnde Brücke. Damit ist der Weg zum Verladebahnhof in Dannenberg bis auf weiteres versperrt.

Zwar gilt derzeit ohnehin noch der im Vorjahr von der alten Bundesregierung verhängte generelle Transportstopp für Nuklearmüll. Weil Frankreich aber auf die Rücknahme eines reisefertigen Sechserpacks aus der Wiederaufarbeitung in La Hague drängt, fürchten Atomgegner, könnte womöglich noch in diesem Jahr
ein Transfer nach Gorleben anstehen. Niedersachsen versucht dies mit Hinweisen auf die wegen der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover angespannte Polizeilage zu verhindern. Ein ungleich zugkräftigeres Argument im Atompoker bietet nun die Jeetzel-Brücke, seit sie sich friedlich querstellt.

Theoretisch könnten die Atommüll-Behälter im Wendland zwar mit einem mobilen Kran auch vor dem maroden Gehänge vom Gleis auf die Straße gesetzt werden. Dann aber würde sich die sensible Strecke
verdoppeln, auf der Heerscharen von Polizisten der brisanten Fracht einen Weg über Asphalt zum Zwischenlager in Gorleben bahnen müßten. 1997 hatten am Dannenberger Verladebahnhof etwa 9000 Atomgegner 52 Stunden lang den Atomverkehr blockiert. Nun müßte ein auf die Straße gesetzter Nuklearmülltransport durch die ganze Stadt rollen, vorbei etwa an einer Tankstelle. Technisch sei das "ohne Frage durchführbar", versichert zwar Reinhard König, Geschäftsführer der Gorlebener Brennelementlagergesellschaft (BLG), der so etwas sagen muß. In Hannover freilich winkt man nur ab.

Die BLG, von den Nachschubwegen abgeschnitten, drängt daher auf eine rasche Instandsetzung der Strecke und will sich an den Kosten beteiligen. Beim Eisenbahnbundesamt liegt bereits ein Antrag vor, der einen kompletten Neubau der Jeetzel-Querung vorsieht. Ob der Brücke damit der Abriß droht, ist freilich noch offen. Das Landratsamt Lüchow-Dannenberg hat den betagten Antiatomkameraden unter Denkmalschutz gestellt. Als erhaltenswert gelten vor allem die markanten Stahlträger. Dieser Typ, bei dem in der Stahlkonstruktion nur Zugkräfte auftreten, hatte ab der Mitte des vorigen Jahrhunderts das Brückenwesen revolutioniert,
war wegen der höheren Lasten im Eisenbahnverkehr später aber auf den meisten Strecken wiederverschwunden. "In Deutschland", so der für den Regierungsbezirk Lüneburg zuständige Inventarisator
Falk-Reimar Sänger, "gibt es nur noch wenige vergleichbare Exemplare. Das ist aus heutiger Sicht ein echtes Baudenkmal." Daher will Sänger nun zunächst prüfen lassen "ob man die Brücke mit möglichst wenigen Veränderungen sanieren kann". Das kann dauern.

Bearbeitet am: 07.07.1999/ad


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