Wenn man so sitzt und wartet, ohne genau zu wissen auf was, ob nur darauf, weggetragen zu werden, oder auf den Wasserwerferstrahl oder auf Prügel mit dem Polizeiknüppel, dann komme ich ins Grübeln. Warum sitze ich hier? Wer sitzt hier noch? Frauen, Männer, alte, junge. Einer spielt Klampfe, einige singen, eine fast fröhliche Stimmung, aber doch dahinter ist Nachdenklichkeit zu spüren. Im Hinterkopf haben wohl alle das, was kommen wird, heute abend, heute nacht, wenn es los geht. Sie sind so sehr unbewaffnet, sie wirken so harmlos. Manche haben nicht einmal einen ausreichenden Schutz gegen Wasser. Ich habe Glück., dem alten Mann verpaßten sie ein Privatquartier. Aber manche werden eine schlimme Nacht haben.
Und dann sehe ich mir die drei Polizisten an. Kräftige, breitschultrige Männer, betrachten sie - lächelnd, wie mir scheint - die lockere Ansammlung ziviler Menschen da vor ihnen - ihre präsumptiven Opfer. Das "Opfer" ist mir so herausgerutscht, eigentlich wollte ich es noch gar nicht sagen. Aber wenn ich die so sehe, noch ohne Helm, Knüppel und Schild, aber schon in ihrer Rüstung wie im Mittelalter mit Brust- und Rückenschild, gepanzerten Armen und Beinen, und dann uns hier - mehr als Opfer sind wir nicht für diese kriegerisch aufgemotzten - und nun kommt unvermeidlich das Wort, da ich eigentlich vermeiden wollte - "Bullen". Wer eigentlich provoziert hier?
Ich komme mir sehr klein vor, wie ich da so hocke und die größte Staatsmachtentfaltung der Republik erlebe, so hilflos. - Untertanen sollen nicht grübeln. Denn nun grüble ich: "Staatsmacht"? Sind wir, das Volk, nicht der Staat? Und ist nicht die Mehrheit gegen die Atomenergie? Sind das also nicht eigentlich "unsere" Polizisten? Müßten sie nicht uns gegen den Castor schützen? Wen also schützen sie dann? Sie schützen - der Gedanke geht mir nicht aus dem Kopf - die Atomindustrie. Angela (d. i. Engel) Merkel, Pastorentochter, für mich eine junge Frau, ist der Schutzengel der Atomwirtschaft. Nur um deren Interessen geht es hier. Und nun weiß ich, daß ich hier richtig bin, schon wegen meiner Kinder, Enkel, bald Urenkel. Wir, die wir hier sitzen, unbewaffnet, friedfertig, trotzig und entschlossen, wir sind es, die die Demokratie verteidigen, nicht die Polizisten, von Politikern mißbraucht für die Interessen einer letztendlich tödlichen Technik. - -
Am nächsten Abend erleben wir die Einfahrt der Castoren ins "Zwischenlager". Aber es ist kein Sieg der Angela Merkel und ihrer Hintermänner. Der Castor-Transport ist erkämpft mit gewaltiger technischer und personeller Überlegenheit und mit massiver, manchmal brutaler Gewalt und polizeilichen Übergriffen. Aber alle Welt spricht vom Widerstand der mehr als Zehntausend. Es wird zutreffen, was wir am Abend sangen: "Das weiche Wasser bricht den Stein."