Castor live - ein Augenzeugenbericht aus dem Wendland
Verrückt.
Wir sind einfach verrückt. Was machen wir hier eigentlich? Schlafen sollten wir, anstatt durch das nächtliche Wendland zu fahren. Todmüde alle drei, seit 19 Stunden auf den Beinen, nach langen Arbeitstagen. Lars fährt, Petra hält ihn mit Geschichten wach, ich döse hinten. Vor uns, im anderen Wagen, Sabine mit drei Freunden. Mittwoch, 5. März 1997, 0200 Uhr.
Mitten in der Nacht
hatten wir überlegt, nach Dannenberg zu fahren. Morgen sei alles zu spät, meinte Lars. Alleine würde er es nicht tun, aber mit uns... Anruf bei Petra: Sie sei ziemlich müde, aber wenn wir führen... Im Augenwinkel mein Bett... Nein! Noch einmal durften wir nicht in der Zeitung lesen, wie sich andere für unsere Ideale einsetzten. Gedanken an durchwachte Nächte auf der Schiffsbrücke - es ging doch immer irgendwie. Also los! Wir fahren! Anruf bei Sabine: Sie hätte schon keine Lust mehr gehabt, aber wenn wir führen... Sabine trommelte die anderen drei zusammen; aus dem Nichts wurde plus siebenmal quer!
Dichter wird der Verkehr.
Lange Zeit hatten wir die Straße für uns, hatten dann erst einen, dann mehrere Verfolger; nun fahren wir im Konvoi. Um 0300 Uhr, in dieser ländlichen Gegend! Es geht um Dannenberg herum. Ein heller Lichtschein am Horizont verkündet: Hier stimmt etwas nicht! Auf einmal parkende Autos links und rechts, immer mehr Menschen: wir sind mittendrin. Worin? Wo sind wir? Wir fahren ein Stück zurück, parken das Auto, wo wir es sicher glauben. Haben Bilder von Brokdorf im Hinterkopf, von Polizeiknüppeln, die mutwillig Fahrzeuge zerstören. Haben auch Angst, am nächsten Tag steckenzubleiben; ich muß um 1000 beim Praktikum sein, Lars bei der Arbeit. Wo ist das Hamburger Camp"? Wo die Esso-Wiese", laut Informationen der Bürgerinitiative erster Anlaufpunkt für Neuankömmlinge?
Zu Fuß nähern wir uns einer gespenstischen Szenerie.
Eine Straßenkreuzung, auf einer Ecke stehen Häuser. Erst am Morgen werden wir bemerken, daß sie jetzt als Sanitär- und Erste-Hilfe-Versorgungsstationen zur Verfügung stehen.
Auf der Straße Menschen. Sitzend, liegend, dichtgedrängt: die Sitzblockade. Wir sind genau da, wo wir sein sollten, wo wir am nötigsten gebraucht werden. Ein Stück die Straße entlang gleißt Flutlicht, wie an der ehemaligen DDR-Grenze. Es ist die Grenze: Genau dort sind die Einsatzgruppen der Polizei, die die Straße räumen. Ein Mensch nach dem anderen wird von der Straße getragen, der freigewordene Platz sofort von nachrückenden PolizistInnen besetzt. Die Bürgerinitiative hat einen Lautsprecherwagen organisiert. Der Sprecher beschreibt das Geschehen für die Hintenstehenden und -sitzenden. Immer wieder hält er die SitzblockiererInnen zum Durchhalten, aber auch zur Gewaltfreiheit an. Da es offenbar Übergriffe körperlich erschöpfter BeamtInnen des Räumkommandos gegeben hat, bittet er die Polizeiführung, diese auszuwechseln. Seine ruhige und sachliche Stimme ist ein psychologisch bedeutsamer Ruhepol. Ich denke, neben der Selbstdisziplin der BlockiererInnen hat seine Arbeit wesentlich dazu beigetragen, daß es keine Gewaltausbrüche gegeben hat - zumindest nicht von Seiten der DemonstrantInnen.
Wir haben genug gesehen,
wollen nicht danebenstehen, wenn die rasch vorrückende Polizei die Blockade auflöst. Daher suchen wir uns ein freies Plätzchen auf der Straße. Ich trete versehentlich auf ein Bein, entschuldige mich - kein Geschrei, kein Fluch. Eine nette Stimme lädt zum Sitzen ein. Der erste Eindruck einer Stimmung, die schwer in Worten faßbar ist: Trotz der Enge, vergleichbar mit einem vollbesetzten Konzertsaal ohne Bestuhlung, fühle ich bei mir keine Aggressionen aufkommen und bemerke auch bei anderen keine. Stattdessen Toleranz, Geduld, Freundlichkeit. Kleine Scherze, nicht platt, sondern geistvoll. Die Gesichter, soweit erkennbar, sehen müde aus, aber alles andere als ausgelaugt, eher entschlossen. Hier sitzen Menschen, die sich sehr bewußt für diese Aktion entschieden haben und die die Strapazen in Kauf nehmen, um ihrem Protest und Ihrer Solidarität Ausdruck zu verleihen. Solidarität - das ist das Wort, das diese Stimmung am ehesten beschreibt.
Ob man generell gegen Atomkraft ist,
oder nur die Bevölkerung des Wendlandes gegen das Besatzerverhalten des Staates unterstützen will - alle sitzen miteinander auf der Straße und spüren so etwas wie ein geistiges Band, das alle eint. Wir - das sind jetzt nicht mehr sieben HamburgerInnen aus zwei Autos, die eben erst dazukamen, wir, das sind jetzt x-tausend Menschen, die vor mir, hinter mir, neben mir und auf mir liegen und sitzen. Der Nachbar, der auf meinem Fuß sitzt, und die Nebenfrau, deren Rucksack ich im Gesicht habe, sind nicht die lästigen Subjekte, die sie in der Konzerthalle wären, sie sind ich, nicht Fuß und Gesicht sind wichtig, sondern die geistige Geschwisterschaft. Und die leiseste Andeutung genügt, sofort werde ich erlöst. Noch nie habe ich mich einer Menschenmenge so wohl gefühlt; noch nie habe ich Zivilisiertheit in einem solchen Grad erlebt: menschliches Miteinander, Solidarität. Stroh liegt auf der Fahrbahn: Die Bauern haben es gestiftet, damit die DemonstrantInnen es halbwegs warm und weich haben. Viele sind seit Sonntag vor Ort, verbringen bereits die dritte Frostnacht im Freien. Am Rande hört man halblaute Rufe wie: Gummistiefel!", Schopenhauer!" - Kennwörter einzelner Organisationsgruppen zum Wiederfinden in der Nacht.
Im Grunde eine herrliche Nacht:
Sternenklar, unter freiem Himmel und netten Leuten - nur die Klampfe fehlt mit leisen Melodien. . . Mensch würde sie eh nicht hören können. Das Geknatter der Hubschrauber zerreißt die Stille und frißt sich ins Ohr. Auch an Schlaf ist nicht zu denken, zwei, drei, vier dieser Teile dröhnen immer wieder über unsere Köpfe hinweg; ihre Scheinwerfer schneiden mit scharfem Strahl durch die sanfte Dunkelheit. Wozu so viele, wozu überhaupt? Suchen sie die Strecken nach menschlichen Wühlmäusen ab? Aber es ist keine Systematik in ihren Flügen, im Tasten der Lichtfinger; wirr fliegen sie hin und her und machen nur Krach, Lärm, akustische Gewalt. Diese Vermutung drängt sich uns auf: sie fliegen nur, um laut zu sein, damit wir nicht schlafen können, um uns auf die Nerven zu gehen, uns anzuspannen, uns zu reizen. In der Tat ertappe ich mich bei dem Gedanken an Flugabwehrwaffen. Ich schäme mich dafür, denke an die Menschen in der Flugmaschine, denke an den Rettungshubschrauber, mit dem ich einst mitfliegen durfte, an die anstrengende und verantwortungsvolle Arbeit der Besatzung. Und dennoch: das Kreisen und Brummen hat etwas apokalyptisches - Apocalypse Now!" - Vietnamfilme, Krieg und Verwüstung, das sind die Assoziationen, die diese Maschinen wecken. Was steht uns bevor? Ich denke an die Fotoberichte, die ich von Wackersdorf und Brokdorf sah. Werden sie uns mit Tränengasbomben bewerfen? Gnadenlos auseinanderspülen und -prügeln? Einkesseln, verhaften? Bin ich stark genug, damit zu rechnen und dennoch ruhig sitzen zu bleiben? Ob ich es alleine gewesen wäre, bezweifle ich. Die Gegenwart so vieler Menschen mit ähnlichen Ängsten, aber auch ähnlicher Entschlossenheit und ähnlichem Mut gibt die nötige Kraft. Gruppendynamik, Schützengrabenmentalität, gewiß. Aber wir kämpfen nicht für Führer und Vaterland sondern für Demokratie, Menschenrechte und das Überleben unserer Nachfahren. Nicht auf Befehl eines Kommandeurs, sondern auf den des eigenen Gewissens. Und wir werden nicht abgeschlachtet, höchstens verprügelt, was solls also.
Ein Transparent überspannt die Straße,
kurz vor der Polizeifront, deren genaue Lage nicht einsehbar ist; vielleicht 200m entfernt. Das Banner hat für mich Symbolcharakter; solange es hängt, kann die Räumung noch nicht weit sein. In der Tat: Das Räumkommando ist steckengeblieben. Die Polizei hat das Wegtragen eingestellt. Hoffnung flammt auf. Sie werden noch Tage brauchen; sie werden es nicht schaffen, uns heute mit friedlichen Mitteln hier wegzuschaffen!
Stimmt. Deshalb erklingt gegen halb fünf eine schneidende Stimme
aus dem Polizeilautsprecher. Wir werden an das Demoverbot im Castor-Korridor erinnert und aufgefordert, die Blockade aufzulösen. Anderenfalls folge der Einsatz von Wasserwerfern. Wasserwerfer? Na gut, so ganz naiv war hier niemand. Fast alle haben Regenzeug dabei. Zwei Minuten Geraschel und wir sind gerüstet. Jetzt werden auch noch Plastikplanen durchgereicht! OrganisatorInnen der BürgerInneninitiative gehen an der Blockade entlang und geben Ratschläge: Mit dem Rücken zum Wasser setzen und den Kopf einziehen, damit die Augen nicht verletzt werden! Rucksäcke aufsetzen, sie dämpfen den Strahl! Prima Tips. Dumm nur, daß man dadurch die Räumkommandos nicht ansehen kann. Sie werden es leichter haben, Plastiksäcke zu schlagen als Menschen, die ihnen in die Augen sehen. Ist dies und nur dies vielleicht sogar die Intention?
Der Wasserwerfer ist zu sehen,
er funktioniert. Der Mann am BI-Lautsprecher weist immer wieder auf den gewaltlosen Charakter der Blockade hin und fordert den Stop des Einsatzes. Vergeblich. Selbst als der Wasserstrahl einem Hochspannungstransformator bedenklich nahekommt, hört niemand bei der Polizei auf die besonnene Stimme. Die ersten durchnäßten Gestalten wanken an der Blockade entlang nach hinten, wo irgendwo ein geheiztes Zelt mit trockener Kleidung existieren soll. Sie sehen fertig aus, erschöpft und frustriert, aber unversehrt. Anscheinend versucht die Einsatzleitung, ohne Wegtragen, nur mit Spül-Mitteln, die Blockade aufzulösen. Noch aber zielen sie nicht direkt auf die Menschen, sondern berieseln sie indirekt. Die Plastikplanen sind sehr praktisch, zwei Stunden lang geht es aus Sicht der Polizei nicht vorwärts.
Um halb sieben folgt dann aber wieder die schneidende Stimme:
Dem unvermeidlichen Hinweis auf das Demonstrationsverbot folgt die Ankündigung von Maßnahmen unmittelbaren Zwanges und einfacher Gewalt": Der Wasserwerfer werde jetzt direkt auf uns zielen und Schlagstockeinsatz in Notwehrlagen" erfolgen. Ein kalter Schauer durchläuft mich. Ich werde also nicht einfach nur so weggetragen werden. Notwehrlagen" - welcher Hohn! Wir werden es sein, die sich in der Notwehrsituation befinden. Mit der Option, verprügelt und auch noch wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt" verurteilt zu werden, wenn wir uns wehren. Schlimmer noch: Ein einziger Faustschlag, einziger aggressiver Schrei eines einzigen Demonstranten kann den Vorwand für größere Brutalität bieten und den gewaltfreien Charakter der Blockade diskreditieren. Mir wird übel bei dem Gedanken, wessen Staat es ist, dessen Macht hier über uns hereinbricht. Volkssouveränität? Wer ist denn das Volk, wenn nicht die Menschen, die uns hier mit Stroh versorgen und uns ihre Häuser öffnen? Und sind wir denn nicht auch so ein kleines Stück dieses Volkes", so ein ganz kleines bißchen?
Von hinten flattert wieder eine Plane
über uns hinweg nach vorne. Gott segne diese Bauern! Diesmal nimmt die Plane überhaupt kein Ende; immer mehr Plastik rauscht über unsere Köpfe, immer mehr. Als sie zur Ruhe kommt, ist die ganze Sitzblockade bedeckt und geschützt unter dem riesigen Stück geborgen. Es muß ein Vermögen gekostet haben und daher eine nicht geringe Überwindung, sie herzugeben, denn ihr Schicksal ist abzusehen.
Mechanisch, präzise,
wie im Science-Fiction-Film kommt jetzt die Stimme aus dem Polizeilautsprecher:
Der Warwick 3m vor.
Wasser auf 1000 Uhr.
Der Warwick 3m vor.
Wasser auf 1000 Uhr.
Und wieder 3 vor.
Noch mal Wasser auf 1000 Uhr.
Und wieder 3 vor.
Und Wasser kommt.
Die Polizei rückt also wieder vor. So nett die Plane ist, aber wir sehen jetzt nichts mehr. Die Kuh im Schlachthof muß ähnliches empfinden, so sie ihr Schicksal ahnt. An den Seiten stehen EinwohnerInnen, die die Plane spannen und hochhalten, so daß wir genug Luft bekommen. Zum Glück kommt niemand auf die Idee, darunter zu rauchen. Immer näher kommt die kalte Stimme. Erste Wassertropfen prasseln über uns auf das Plastiktuch. Wir hören die Schreie der Abtransportierten. Es sind Schreie der Hilflosigkeit, aber auch Schmerzensschreie. Ein Blick auf die Uhr. Halb Acht. Eigentlich wollten wir genau jetzt zum Auto gehen. Was heißt hier eigentlich? Ich habe Angst. Vielleicht werde ich eines Tages darüber lachen, wenn ich meinen Enkeln davon erzähle, aber in diesem Moment habe ich einfach nur Angst. Gern wäre ich woanders, träte vor ein Zelt, um den herrlichen Sonnenaufgang zu genießen. Hat die Polizei denn gar keinen Sinn für der Natur Schönheit? Hätten nicht alle eine Stunde gemeinsam diesen Sonnenaufgang bewundern können? Stattdessen das hier. Wir hätten einen guten Grund, jetzt zu gehen, müssen wir doch bald wieder in Hamburg sein. Petra, Lars und ich schauen uns an, verstehen uns: Kommt nicht in Frage. Nicht jetzt. Das können wir die anderen nicht alleine ausbaden" lassen. Wir bleiben.
Die Spannung zehrt an den Nerven.
Näher, immer näher kommt die Stimme: Und wieder Wasser. Und 5m vor. Und Wasser. 3m vor..." Ich sehne den Moment herbei, in dem es überstanden ist, das Warten ein Ende hat. Und denke gleichzeitig: Nein! Denn dann kommt auch bald der Castor hier durch! Petra und ich kuscheln uns aneinander, wir sehen uns an, geben einander Halt. Der Wasserstrahl prallt jetzt mit ganzer Wucht auf unsere Rücken. Er ist sehr hart, aber ich hatte ihn mir schlimmer vorgestellt, nachdem mir von Szenen berichtet wurde, in denen DemonstrantInnen regelrecht von der Straße gespült wurden. Mir fehlt zum Glück der Vergleich, um beurteilen zu können, ob der Strahl gewollt schwach ist oder ob die Planen, unsere Rucksäcke und das gemeinsame Auffangen des Druckes diesen abschwächen.
Plötzlich Licht.
Die Plane wird weggerissen. Ich denke an die Worte eines Nachbarn: Man soll ihnen" das Wegtragen möglichst schwer machen, indem man die Arme an den Körper preßt. Aber um nicht geschlagen zu werden, muß man auch sensibel darauf achten, daß sie nicht die Geduld verlieren. Die BeamtInnen, deren Gesichter über mir auftauchen, haben nicht die geringste Geduld. Ich sehe die verzerrte Fratze einer jungen Frau in Uniform mit kurzen blonden Haaren. Sie zerrt am Kopf eines Nachbarn herum, schlägt mit Fäusten auf ihn ein, kreischt: Gibst Du freiwillig auf? Gibst Du endlich auf?", obwohl er sich überhaupt nicht rührt. Eine Hand greift nach meinem Südwester, zerrt daran. Das Kinnband würgt mich, ich lege den Kopf nach hinten, die Mütze verschwindet über mir. Ohne zu überlegen bitte ich: Geben Sie mir bitte meinen Hut wieder, ich brauche ihn noch." Na gut" höre ich zu meinem Erstaunen, der Südwester fällt mir in den Schoß. Ich gebe ihn Lars, denn schon packen Hände nach meinem Kopf, reißen an der Kapuze meines Ponchos. Wieder das Würgen, Erstickungsangst! Ein Handschuh kommt von hinten, packt mir ins Gesicht, Finger bohren sich in Auge und Nase, ziehen und zerren. Ich hebe die Arme, damit sie mich daran heben können. Sie versuchen es gar nicht. Ich spüre die Handschuhe meine Finger greifen und nach hinten biegen. Schnell schließe ich die Hände zu Fäusten; ich weiß, wie es ist, wen mir jemand die Finger umbiegt. Der Handschuh greift sich einen einzelnen Finger, biegt ihn auf. Angstvoll reiße ich die Arme zurück, halte sie aber gleich wieder hoch, immer noch in der Erwartung, weggetragen zu werden. Ich kann nicht mehr weiter als einen halben Meter sehen, verliere Petra und Lars aus den Augen, obwohl sie neben mir sitzen. Alles verschwimmt, bis auf die Gesichter der BeamtInnen, die vor Wut und Erschöpfung bis zur Unkenntlichkeit verzerrt sind. Etwas reißt mich nach hinten, ich spüre Fäuste und Füße, mache mich zur Kugel, um meine Organe zu schützen und leichter nach hinten rollen zu können. Um mich herum nur noch Stiefel und uniformierte Hosenbeine. Ich habe genug. Automatisch, ohne nachzudenken, stehe ich auf.
Um mich herum die frischen, ausgeruhten Gesichter
kräftiger, junger, männlicher Polizisten. Warum lösen sie ihre KollegInnen vorne nicht ab, die sich in ihrer Erschöpfung wie die Berserker durch die sitzenden Menschen prügeln? Ich schaue einen an, versuche zu ergründen, was er empfindet, ihm zu zeigen, daß ich zumindest ein schlechtes Gewissen von ihm erwarte. Sein Blick hält dem meinem stand, scheint mich zu fragen, was ich eigentlich für ein Problem habe. Mein Problem ist, daß ich schon wieder gepackt werde, bevor ich Petra, Lars, Sabine oder die anderen entdeckt habe. Ich bitte ein Gesicht, mich nach links von der Straße zu lassen, dorthin, wo unser Auto steht, denn ein späteres Überqueren wird schwierig werden. Hier ist links" erfahre ich, einsehend, daß es hier zwei Perspektiven gibt, und werde nach rechts von der Straße gestoßen.
Zum ersten Mal heute sehe ich den Wasserwerfer aus der Nähe,
das erste Mal überhaupt. Ein martialischer Anblick. Ein großer LKW mit Doppelkabine, statt Ladefläche ein Wassertank. Auf der Kabine eine Kanone, die sich gerade bedrohlich dreht, senkt und - statt Feuer - Wasser spuckt. Der scharfe Strahl peitscht auf die Plane, trifft auch gleichermaßen die PolizistInnen und DemonstrantInnen bei der Abräumaktion. Unbewegten Gesichtes der Fahrer. Hinter ihm sitzt erhöht ein anderer Mensch. Er trägt eine Art Helm mit Kopfhörer. Sein Sitz dreht sich synchron zur Kanone, in den Sitz integriert ist ein Steuerpult: der Richtschütze. Der Mensch, der auf vollkommen gewaltlose Menschen mit scharfem Strahl zielt. Wie gebannt starre ich ihn an, sehe aber keine Gefühlsregung, nicht Bedauern, nicht Sadismus, nur eine Maske. Neben und hinter dem Wasserwerfer stehen die Reihen der Uniformierten fest geschlossen, vor ihm zeichnen sich unter der Plane die Konturen der GefährtInnen ab. Wieder ein gezielter Strahl, wieder ein Vorrücken. Ein langsames, unerbittliches Vordringen, wie beim Graben eines Stollens. Aber nicht Sand und Steine werden dort beseitigt, sondern die Menschen, die ich in der Nacht liebgewann, die, wie vor kurzem ich, angstvoll auf das immer brutalere Räumen warten.
Petra! Lars! Sabine!
Längst hätten sie hier sein müssen, es wird doch nicht... Panisch werdend renne ich an der Szenerie auf und ab. Vielleicht nur Sekunden, vielleicht Minuten, ich habe kein Zeitgefühl. Endlich werden sie von der grünen Raupe ausgespuckt, stehen vor mir. Ich sehe mein Spiegelbild: Die Augen sind Höhlen, die Knie zittern, Anpannung, Ohnmacht, Trauer und Wut stehen in ihren Zügen geschrieben. Wir sind den Tränen nahe, umarmen uns schweigend, glücklich, wieder vereint zu sein. Neben mir klagt ein Mann schmerzverzerrten Gesichtes über seinen ausgekugelten Arm; ich sehe blutende Nasen, schmerzende Augen, verdrehte Finger. Auch Petra wurde getreten, bis sie laut schrie, auch Lars wurde ein Finger verdreht. Wird dieses Verhalten der vordersten PolizistInnen von der Einsatzleitung bewußt in Kauf genommen? Immer wieder weist der BI-Sprecher darauf hin, bittet um die Ablösung der Gewalttätigen, vergeblich.
Durchnäßt, erschöpft, erschüttert
gehen wir an der Blockade entlang nach hinten. Die dort Sitzenden sind noch guten Mutes; ich freue mich, daß sie aushalten, obwohl unser Anblick für sie abschreckend genug sein muß. Für sie wird es später noch härter werden, sie werden zusätzlich mit Knüppeln malträtiert werden. Ein Organisator drückt uns noch einen Vordruck für ein Gedächtnisprotokoll in die Hand. Nach Hause. Abseits der Szenerie wird es ruhiger, fast idyllisch. Endlich muß ich nicht mehr diesen Polizeilautsprecher hören; sein maschinenhaftes ...Wasser kommt...drei Meter vor...Wasser..." wird mir noch Tage in den Ohren klingen.
Ein etwa vierzigjähriger, kräftiger Mann
mit stattlichem Bierbauch spricht uns an. Wie es war? Ich sage es ihm. Er bleibt unerschüttert. Im Gespräch stellt sich heraus, daß er sich zu den Autonomen" zählt und bei der Untertunnelung eines Straßenabschnittes dabei war. Neugierig spreche ich den schwarz gekleideten auf die Medienmeldungen über die Gewaltbereitschaft der Autonomen an. Seiner Aussage nach wurden die TunnelbauerInnen von prügelnden Einsatzkräften angegriffen und haben sich lediglich verteidigt. Er klingt glaubwürdig; eine Art naiven Stolz höre ich heraus, so etwas wie Soldatenehre: Nur wer in vorderster Reihe steht, dürfe kämpfen. Flaschen- und Steinwürfe aus hinteren Reihen heraus gälten als feige, zumal sie die eigenen Leute treffen könnten. Ich hatte das schon anders erlebt, sage ihm das: Die diese Regeln nicht einhielten seien meist Jugendliche, die nicht begriffen, worum es gehe. Denen würde er auch schon mal eine aufs Maul geben". Ungeschützte Bullen" würde er nicht angreifen, es seien zwar Schweine, aber letztlich auch Menschen". Er und seine Freunde respektierten den friedlichen Charakter des wendländischen Widerstandes und würden nur zu Gewalt greifen, wenn sie angegriffen würden.
Weitere Zweifel an offiziellen Presseberichten
schürt ein Anhalter, den wir nach Hamburg mitnehmen. Er ist am Vortag mehrere Stunden lang eingekesselt gewesen und wurde vor seiner Freilassung erkennungsdienstlich behandelt". Die Polizei hat diese Aktion damit gerechtfertigt, daß von der eingekesselten Gruppe Gewalt ausgegangen sei. Unser Mitfahrer gibt an, weit vorne gestanden zu haben und keinerlei Gewalt bemerkt zu haben. Er hat ein klares, ehrliches Gesicht. Warum sollte er auch lügen? Wenn es Gewalt gegeben hätte, würde er sich davon distanzieren oder dazu stehen. Verheimlichen muß er uns nichts, das ist klar.
Gespannt verfolgen wir
in den nächsten Tagen die Berichterstattung der Medien. Immerhin, der NDR bringt differenzierte Meldungen und eindeutige Bilder. Die taz" geht ausführlich und wahrheitsgemäß auf die Geschehnisse bei der Sitzblockade ein. Nur die sogenannte bürgerliche Presse" - Hannoversche Allgemeine", FAZ" und Co. - tippt treu und brav die Polizeiberichte ab. Ihre Kommentare hätten auch im Völkischen Beobachter" stehen können.
Der Rechtsstaat [...] darf sich nicht von dem öligen Gerede der friedlichen" Bürgerbewegungsfunktionäre und mancher Grünen-Politiker über die angeblich nicht zu verantwortenden politischen Kosten" des Castor-Transportes beeindrucken lassen.
FAZ
EoB, im März 1997