Gorleben Rundschau


 

Juni
01                 
        

 
              

  Inhalt:

50+20 Ein voller Erfolg

Ein Nachwort von Wolfgang Ehmke und Stefan Simon zum letzten Castorkonflikt, der nicht der letzte war.

 

Über 25 Jahre Widerstand im Wendland, er ist immer noch nicht eingeschlafen! Wir haben einen Punktsieg erreicht, wir haben wieder einmal gezeigt, wie stark die Anti-AKW-Bewegung ist. Und auch die Politiker mussten es (ein-)sehen. Dies war der teuerste Transport in der Geschichte der Bundesrepublik, mit 130 Millionen Mark, um 19 Millionen teurer, als der letzte Transport vor 4 Jahren.

Wenn im Jahre 2001 diejenigen, die für uns in den Bundestag gezogen sind, heute ihre Vergangenheit vergessen, dann gibt es einfach keine andere Möglichkeit, als auch gegen ihre Entscheidungen auf die Strasse zu gehen. Und es war gut, nicht nur im Wendland, sondern auch an der gesamten Strecke zwischen Lüneburg und Dannenberg gab es Unmengen an grösseren und kleineren Aktionen. Das von uns propagierte Konzept 50 + 20 war ein voller Erfolg. Und viele Menschen, die heute noch Zuschauer gewesen sind, lassen verlauten, auch wir sind das nächste Mal dabei.

Das, was wir gesagt haben ist jetzt schon bittere Realität, schon am 10 April rollten die ersten Castoren mit abgebrannten Brennelementen in die WAA nach La Hague. Und das war nur der Anfang einer Kette von Transporten nach Frankreich und England. Doch das Demo- und Protestgeschehen im Wendland hat auch eine andere Kettenreaktion zur Folge: die Ansteckung funktioniert. Protest und Widerstand bleiben nicht mehr auf das Wendland oder Münsterland beschränkt.

Eine "fast unerträgliche Gewalt" machte der niedersächsische Innenminister Heiner Bartling bei den Demonstranten aus, "schwerste Verbrechen" und die "Gefährdung von Menschleben" erkantherte dessen Amts- und Parteikollege Otto Schily. Je ferner, desto holzschnitzartiger fallen Urteile aus. Das Strickmuster: jeder Stein und jede Flasche, die flog, jeder Strohballen, der brannte, jeder Feuerwerkskörper, der detonierte, wird aufgeblasen zu einer wachsenden "Gewaltbereitschaft", und die Gewaltdebatte soll die aufkeimende Atomausstiegsdebatte, das Infragestellen der rot-grünen Atompolitik im Keim ersticken. Der Zug kam nicht glatt durch. Von diesem Debakel soll abgelenkt werden .Die heftig angeprangerte spektakuläre Einbetonieraktion von Robin-Wood-Aktivisten ins Gleisbett bei Süschendorf, die die Fahrt des Castorzuges auf den letzten Streckenkilometern zwischen Lüneburg und Dannenberg rund 14 Stunden lang blockierte, stellt keine schwere Straftat dar. Weder waren der allgemeine Zugverkehr noch der Castorzug konkret gefährdet, die Betroffenen setzten lediglich den eigenen Körper ein, ohne dass die Schienen beschädigt waren. In einem vergleichbaren Fall vor vier Jahren hatte das Amtsgericht Lüneburg das Verfahren gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt. Überspielt werden soll mit derart martialischen Kommentaren die Tatsache, dass allen Unkenrufen zum Trotz der Widerstand gegen die Nutzung der Atomenergie nicht abgebröckelt ist, die Protagonisten blieben trotz Minustemperaturen und Eisregens nicht zu Hause. Neue Allianzen - Umweltverbände, Bürgerinitiativen, Kirche - wurden geschmiedet. Die Regierungsgrünen igelten sich ein oder übten sich im Spagat: Protest gegen ein Endlager Gorleben "ja" - Widerstand gegen angeblich notwendige Atomtransporte "nein".

Politisch sind die Atommülltransporte ins Wendland nicht durchsetzbar. Durchsetzbar sind sie nur unter den Bedingungen des Ausnahmezustands durch ein martialisches Polizeiaufgebot. Versammlungsverbote, die Auflösung von Camps, Schlagstockeinsätze gegen friedfertige Sitzblockierer bestimmen den Dauerdemo-Alltag. Grundrechte bleiben für die Sicherung der Atommüllabfuhr auf der Strecke.

Es zählen am Ende nicht die Kosten des Transports. Bedeutsamer als die Millionen ist der politische Preis. Ein Verschwinden der Politik war zu beobachten. Mit Ausnahme der rührigen Fraktionsvorsitzenden Rebecca Harms und einiger ihrer grünen Mitstreiter Innenblieb es ausgerechnet der Polizeiführung überlassen, die Öffentlichkeit von der angeblichen Notwendigkeit des Transports - vergeblich - zu überzeugen. Ein angezählter Bundesumweltminister sagte artig weitab in Berlin seinen Vers auf, am Konsens dürfe nicht gerüttelt werden, so als gäbe es dazu keine Alternative. Der Kanzler weilte auf der Cebit in Hannover, so als ginge ihn das Geschehen im Lande nichts an.

Grotesker geht es nicht, wenn Regierungsgrüne nun fordern, die Industrie solle endlich das Konsenspapier unterzeichnen, dessen Inhalt - Bestandsgarantie der Reaktoren, kein Verbot der Wiederaufarbeitung etc.- von der außerparlamentarischen Bewegung angegriffen wird. Sigmar Gabriel, der niedersächsische Ministerpräsident (SPD), hat zumindest erkannt, dass der "Atomkonsens" die Leute nicht überzeugt, denn die wollen Taten. Und so sitzen vor allem die Grünen in der Zwickmühle, gerieren sich staatstragend und brüskieren ihre Wählerschaft, statt ihre einmalige Chance wahrzunehmen, die Fesseln der Regierungsverantwortung zu sprengen. Wenn Regierungsverantwortung heißt, eine unverantwortbare Technologie mit unerhörtem Risikopotential nicht bändigen zu können, weil nicht die potentielle und reale Strahlengefahr, sondern das Profit- und Verwertungsinteresse der Stromwirtschaft zählt, wenn es darauf hinausläuft, wider besseres Wissen und höhnisch die eigene Klientel zu belehren, ist es dann nicht an der Zeit, dieser Verantwortungslosigkeit ein Ende zu setzen? Jürgen, komm rüber!

Jürgen kommt nicht rüber, das ist uns klar: Um der Ignoranz gegenüber den Basisforderungen noch die Krone aufzusetzen, verständigten sich Trittin und Gabriel aktuell darauf, die Castoren noch weiter zu bündeln: so soll im Herbst der nächste Sixpack laufen, im Wahljahr 2002 dann nur ein Transport mit gleich 12 Behältern. Was für eine perverse Logik! Viele junge Leute waren auf der Schiene und der Straße, vor allem das macht Mut. Transporte von Philippsburg, Biblis, Stade und anderswo nach La Hague oder Sellafield sind nicht mehr geräuschlos vonstatten gegangen. Wir haben schon immer auf Ansteckung gesetzt. Millionen stehen hinter uns: 1,3 Millionen Zugriffe gab es in der "Castor-Woche" auf unsere Internetseiten. Wenn nur ein Bruchteil dieser Menschen sich engagierte, dann...also starten wir durch. Wie hieß es doch auf unseren Kundgebungen so richtig: "Wenn dies nicht das Ende war, so ist es erst der Anfang". Und das nicht nur in Gorleben, denn Gorleben ist überall.

Gorleben aktuell

Castorzuschlag

Ab 2002 sollen nur noch Castoren im Dutzend nach Gorleben rollen.

Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) war erfreut, Jürgen Trittin (Grüne) war zufrieden. Ihre frohe Botschaft lautet: im Wahljahr 2002 soll nur ein Castortransport nach Gorleben rollen. Statt der sechs Behälter mit dem hochradioaktivem Strahlenmüll wären es dann gleich zwölf. Im Dutzend kommt es billiger. Und dafür gibt es dann noch einen Zuschlag: im Herbst 2001 sollen noch einmal sechs Behälter aus La Hague nach Gorleben durchgeprügelt werden. Die Hauptsache, das Land bleibt nicht auf den Kosten hängen, die der Polizeieinsatz mit sich bringt.

Diese Männer haben Sorgen! Für ein paar Millionen lässt sich Gabriel ködern. Eben noch sprach er davon, er sei nicht gewählt worden, um bürgerkriegsähnliche Zustände im Wendland zu moderieren: politisch seien die Transporte nicht durchsetzbar. Am Ende zeigt sich die sozialdemokratische Krämerseele, und Jürgen Trittin freut sich auch. Je weniger Gorleben-Transporte, desto kleiner sein Gesichtsverlust, denkt er. Haste gedacht! Wir starten durch in der Mobilisierung. Und danke Sigmar, danke Jürgen! Einmal im Jahr, das schaffen wir auch.

Wolfgang Ehmke


Castor, Kirche & Konflikte

Interview mit Thomas Anselm Müller, Pastor in Küsten.

Erinnerungen an einen heissen März 2001

 

Herr Müller Sie wohnen und arbeiteten seit sechs Jahren im Landkreis und haben die letzen drei Castortransporte ins Wendland miterlebt. Sie vertreten die klare Position, dass die Kirche ein Teil des Widerstands ist. Wie sehen Sie die Position der Kirche im Widerstand?

Die Kirche soll als gesellschaftliche Gruppe Einfluß nehmen. Widerstand hat in der Kirche Tradition und der Denkprozess der Kirchenleute ist soweit um zu sagen: Unser Widerstand sollte an Schärfe, aber nicht an Militanz gewinnen.

Das heisst, die Kirche steht klar auf Seiten der Atomkraftgegner?

Genau, es ist wichtig, dass wir unsere Position klar definieren und als geschlossene Gruppe mit anderen politische Gruppen zusammenarbeiten, denn auf diesem Wege können wir mehr erreichen. Zu Beginn der Auseinandersetzungen um den Castorkonflikt haben wir uns als Vermittler bzw. Mediatoren bezeichnet, heute nennen wir uns Seelsorger, ich finde diese Bezeichnung sinnvoller. Denn wir können nur wenig vermitteln, da die Polizei ihre klare Linie besitzt. Wir haben bei den Castortransporten viel mehr die Möglichkeit bei beiden Parteien, den Demonstranten und der Polizei zu schlichten. Wir können keine Gewalt verhindern, aber sie leicht abwehren. Ich würde sagen, von 50 unserer Einsätze waren knapp 10% wirklich sinnvoll.

Haben Sie durch ihren Passierschein während der Transporttage Sonderrechte genossen?

W ir hatten natürlich die Möglichkeit bei kritischen Situationen näher an die Geschehnisse heranzukommen um mit den Beteiligten zu sprechen. Allerdings immer wenn es hart wurde, sagte man uns, jetzt gilt ihr Ausweis nicht mehr, hauen sie jetzt besser ab. Diese Ausweise sind für uns ohnehin ein großes Ärgernis, da sie von der Polizei ausgestellt wurden und nicht vom Landkreis oder der Bezirksregierung. Die Polizei vertritt bei den Demonstrationen die andere Gruppe und hat meiner Meinung nach nicht die Berechtigung uns einen solchen Schein auszustellen.

Glauben Sie, das Polizeikonzept hat im März so funktioniert, wie es geplant war?

Die Plakataktionen haben bei den Demonstranten weder ein Umdenken noch Aggressionen, sondern eher ein müdes Lächeln hervorgebracht. Innerhalb der Polizei hat das Konzept eine klarere Linie als vor vier Jahren zur Folge gehabt. Die Einsatzkräfte hatten mehr Geduld und sind taktischer vorgegangen, haben z.B. darauf geachtet, ihre Kräfte nicht unnötig zu vergeuden. Die Polizei hat mit ihrem Konzept versucht ihr sanftes Gesicht zu zeigen, nach dem Motto: Wir denken konfliktorientiert und sind nicht diejenigen, die knüppeln. Dass der Transport mit soviel Verspätung in Gorleben eingetroffen ist, haben wir natürlich der Aktion von Robin Wood-Aktivisten zu verdanken. Denn den restlichen Weg hat die Polizei so gut abgeriegelt, dass Aktionen schlecht möglich waren. Das gelingt natürlich nur mit 18000 Einsatzkräften.

  Sie haben mit dem Öffnen der Kirchen und Gemeindehäuser das Konzept der Bezirksregierung und der Einsatzleitung der Polizei stark durcheinander gebracht. Wären sie auch beim nächsten Transport wieder bereit dies zu tun?

Es war ein kluger Schritt, Kirchen und Gemeindehäuser zu öffnen, nachdem die Camps aufgegeben oder noch nicht einmal gestattet wurden. Wir haben vom alten Recht der Gastfreundschaft Gebrauch gemacht. Wer ein Dach haben möchte bekommt es, auch wenn es sich um ein Gruppe handelt. Menschen die denken wie wir, lassen wir nicht frieren. S chließlich können sie die Kirchen nicht räumen und wir werden weiter Gebrauch davon machen. Wir haben hierbei auch den Rückhalt der Synode und der Landesbischöfin, wir gelten also nicht als Chaoten der Landeskirche. Anmerken möchte ich auch noch etwas zu folgender Aussage der Regierungspräsidentin Ulrike Wolff -Gebhardt, die sich zur Öffnung der Gotteshäuser mit "Ich weiß nicht wer sonst noch," ausser vieler angereister junger Menschen " dort ein Dach über den Kopf bekommen hat" äusserte. Hiermit miskreditiert sie die Kirche. Denn wenn sie nichts weiß dann sollte sie dazu auch nichts sagen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft, den nächsten Transport und was hat die Kirche vor ?

Schon in der nächsten Woche wird der für den Herbst angekündigte Castortransport eine Rolle auf der Pfarrkonferenz spielen. Besonders wichtig erscheint mir auch, dass sich der Widerstand innerhalb der Kirche auch auf die Nachbarkreise ausweitet. Hier sollen die Kollegen nicht nur gewähren, sondern mitmachen. Ich hoffe ausserdem, dass es weiterhin mutige Demonstranten gibt, damit dem vorbeifahrenden Castor nicht mit Fähnchen zugewunken wird. Für die Politik würde ich mir wünschen, dass endlich ernsthafte Bemühungen in Hinblick auf die Suche nach einem Endlager entstehen. Unsere Aufgabe ist, die Politik von allen Seiten zu beeinflussen, damit sie zu verantwortende Entscheidungen trifft. Denn so unredliche Leute wie zur Zeit dürfen wir nicht in der Politik haben, die Regierung hat bisher versagt.

Stefan Simon


Wenn Atommüll in Frankreich Urlaub macht

...sind damit nicht alle einverstanden. Jacques Schuler über Proteste, Reaktionen und Aktionen im Urlaubsland Nummer 1 des deutschen Atommülls.

Durch die Wiederaufnahme vom Atommülltourismus hat sich dieses mal auch in Frankreich was und wer bewegt. Alleine schon durch die Bekanntmachung der Transportstrecke durch das Réseau Sortir du nucléaire, wurden alle grösseren Bahnhöfe polizeilich abgeriegelt, was sonst nie der Fall war: ein erster Erfolg.

W ar es noch beim CASTOR nach Gorleben für die französischen Grünen politisch etwas heikel, haben sie laut und klar ihre Mitglieder aufgerufen die Transporte aus Deutschland in die WAA La Hague zu behindern. So kam es, dass im Elsaß die erste Aktion während des Philippsburgtransports in Bischheim von den Grünen initiiert wurde, später in der Nacht haben sich etwa 20 Delegierte der französischen Grünen in Bondy, einem Vorort von Paris, auf die Gleise gelegt und den Zug so zum stoppen gebracht. Obwohl die französischen Grünen in der Regierung Verantwortung übernommen haben sind sie sich nicht zu schade um sich als AKW Gegner zu outen, sie belassen es nicht bei solidarischen Grüßen oder irgendwelchen Lippenbekenntnissen. Dass Deutschland den Müll, der durch die Anlage in La Hague produziert wird, zurücknimmt, ist ihrer Meinung nach ein Schritt in die richtige Richtung, so Maryse Arditi eine der 4 PressesprecherInnen der Regierungsgrünen. Aber dass deutsche AKW's heute noch verbrauchte Brennelemente nach Frankreich und England exportieren dürfen, ist nicht vertretbar. Die Grünen in Frankreich fordern den sofortigen Stopp der WAA und die Lagerung der abgebrannten Elemente, sowie der Glaskokillen aus der WAA, am AKW.

All diese Forderungen können uns hier in Deutschland in Bezug auf die Bundesgrünen nur neidisch machen! In welcher Verantwortung stehen wir denn, wenn deutsche Brennstäbe nach Sellafield und La Hague rollen? Vor(prä)moralischer Rücknahmepflicht! Auch der Transport nach Sellafield wurde in Frankreich, wenn auch nur sporadisch von Störaktionen begleitet. Die Menschen die mittlerweile zum zweiten Mal dabei waren, wollen in Zukunft Blockadetraining machen und haben schon angekündigt, dass auch die inländischen Transporte immer wieder gestört werden. Im Sommer findet vom 21. bis 29.Juli ein internationales Treffen der Anti-AKW Bewegung in Bure, 150 km von der deutsch-französischen Grenze, statt.

Diese Woche soll zu einer Woche der Forderungen werden aber auch festlich und lebendig sein. Es gibt einen Kalender der Aktionen in Frankreich, so geht eine erste Gruppe am 17 Juni von Lascaux (Süd-West-Frankreich) zu Fuss los. Am 7 Juli findet die "Nacht gegen die Endlagerung" statt, am 08 und 11 Juli setzen sich aus verschiedenen Richtungen die RadfahrerInnen in Bewegung. Am Samstag und Sonntag den 21. - 22.Juli findet das Zusammentreffen in Bure statt. Während der Woche sind Vorträge, Diskussionen, friedliche Aktionen, Konzerte, Workshops usw. vorgesehen. Eine interessante und vielleicht einmalige Gelegenheit sich zu treffen....

Grosse Zeitungen wie Le Monde, France-Soir, Libération, Le Figaro haben sehr ausführlich über den Castortransport berichtet. Dabei wurde über die WAA recherchiert und die vielen Artikel haben die Wiederaufbereitung und die Vorgehensweisen der Betreiberfirma COGEMA stark verurteilt. Auch die Stellung der deutschen Bündnisgrünen wurde stark von den Zeitungen kritisiert und die Partei als ökologischer Flügel der SPD bezeichnet.


Castor mit Blähungen
Udo Jentzsch erklärt anschaulich, wie es zum Überdruck im gerade eingelagerten
Glaskokillenbehälte in Gorleben kommen konnte.

1. Die Lüge


In Hochglanzbroschüren wird die Sicherheit der Castorbehälter von der Atomindustrie mit den Worten gepriesen: "Keine Verpackung ist so nachhaltig auf ihre einwandfreie Funktion auch unter extremsten Bedingungen getestet worden wie Transport- und Lagerbehälter für Brennelemente und hochaktive Abfälle."

D och entgegen der Behauptung wurde nicht ein einziger der derzeit eingesetzten Behältertypen (Castor V/19, Castor V/52 und HAW 20/28) jemals entsprechend den von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) festgelegten Sicherheitsanforderungen im realistischen Experiment getestet. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) bestätigt: "Mit den nach 1982 entwickelten und in Deutschland verwendeten CASTOR - Typen haben keine praktischen Versuche zum direkten Nachweis der Einhaltung der Belastungsanforderungen stattgefunden."

D ie dem Bundeswirtschaftsministerium unterstehende Bundesanstalt für Materialforschung (BAM), das ein Monopol für die Zulassung der Behälter hat, lehnt Experimente mit Hinweis auf die damit verbundenen Kosten ab. Sie führt die "Sicherheitsnachweise" lieber mit Modellrechnungen am Computer durch. Die zwischenzeitlich bekanntgewordenen Pannen wurden jetzt sogar dem Präsidenten des BfS zu viel. Er unterstützt die seit Jahren von der BI erhobenen Forderung, Fallversuche, Erhitzungsprüfungen und Eintauchversuche an Originalbehältern durchzuführen.

Die angeblichen Beweise experimenteller Sicherheitstests, die in Filmen und Broschüren der Öffentlichkeit von der Atomindustrie und ihren Förderern präsentiert werden, sind Fälschungen. Die gezeigten Behälter unterscheiden sich grundlegend von den im Gebrauch befindlichen Castor - Behältern

2. Die ausländische Beurteilung

Die amerikanische Atomaufsichtsbehörde (NRC) hat kein Vertrauen in die deutschen Castor - Behälter. Im Gegensatz zu ausländischen Behältern für Transport und Lagerung hochradioaktiven Mülls, die aus Edelstahl gefertigt sind, bestehen die deutschen aus Gußeisen mit Kugelgraphit, weil die Herstellung billiger ist. Edelstahl hat wesentlich bessere mechanische Eigenschaften als Gußeisen. Die Amerikaner befürchten, dass bei einem Unfall der Castor - Behälter Risse bekommt. Folgerichtig darf der Castor - Behälter entsprechend der Auflage der Atomaufsichtsbehörde nur im Schneckentempo auf dem Gelände eines Atomkraftwerks bewegt werden. Ferner ist ein besonders niedriger Spezialanhänger für den Transport vorgeschrieben. Transporte außerhalb des Werksgeländes sind strikt untersagt.

Die deutsche Herstellerfirma (GNB) will jedoch auch in Amerika ins Geschäft kommen. Sie produzierte deshalb einen neuen Castor - Behälter - jedoch aus Stahl!

3. Der unbemerkte Pfusch

- Ein schwerwiegender Konstruktionsfehler wurde 1999 bekannt. Die Bohrungen für die Moderatorstäbe im Gußkörper waren zu "gering" bemessen, um der Temperaturausdehnung der Stäbe hinreichend Raum zu geben. Dieser Fehler zeigt zweifelsfrei, daß die BAM mit ihren Modellrechnungen nicht einmal dieses simple physikalische Phänomen erfaßt hat. Um so mehr sind Zweifel an den komplizierten Rechnungen zur Bestätigung der internationalen Sicherheitsanforderungen berechtigt. Das BfS sah sich daraufhin ge zwungen, im Dezember 2000 Änderungsgenehmigungen für das Zwischenlager Gorleben und Ahaus zu erlassen. Für den Behältertyp V/19 wurde die thermische Leistung von 39 kW auf 25 kW und für den Typ V/52 von 40 kW auf 12 kW reduziert. Gleichzeitig versicherte das BfS, dass die bereits in Ahaus und Gorleben eingelagerten Behälter die reduzierten kritischen Wärmeleistungen nicht überschritten hätten. Bislang wurden weder von den Aufsichtsbehörden noch vom BfS diese Wärmeleistungen und die entsprechend gemessenen Oberflächentemperaturen veröffentlicht. Eine Überprüfung der beruhigenden Äußerungen des BfS ist daher nicht möglich. Zweifel sind aufgrund der bisherigen Erfahrungen angebracht!

M erkwürdigerweise wurde die thermische Leistung von 40 bzw. 45 kW für den Glaskokillen - Behälter Typ HAW nicht reduziert. Die Konstruktion des Behälters hat jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit den gleichen Fehler wie die Behälter für abgebrannte Brennelemente. Es besteht der dringende Verdacht, dass aufgrund politischer Einflußnahme Sicherheitsbedenken ignoriert wurden. In Frankreich hätten die bereits gefüllten HAW - Behälter wieder entladen werden müssen, um einer reduzierten Wärmeleistung Rechnung zu tragen. Das wäre einer Bankrotterklärung deutscher Castor - Technologie gegenüber dem Ausland gleichgekommen.

Beim Absetzen eines HAW - Behälters im Lager Gorleben ereignete sich am 03.04. 2001 ein Zwi-schenfall. Berichten zufolge wurde beim Aufsetzen des Behälters auf den Hallenboden bemerkt, daß sich die 2,5 cm dicke Stahlplatte am Boden verformt hat. Die Schrauben, die diese Platte am Gußkörper befestigen, gaben nach und unter Druck stehendes Gas entwich mit zischendem Geräusch. Die Betreibergesellschaft (BLG) gab zu diesem Zwischenfall folgende Erklärung ab:

D as System war zu dicht, die Schrauben waren zu fest angezogen. Dass Luft an dieser Stelle aus dem Castor entweicht, liegt in der Natur der Behälterkonstruktion. Nur sollte der Druck kontinuierlich über einen kurzen Zeitraum entweichen. Es habe sich ein Überdruck von 1,3 bar aufgebaut.

Jede Wasserrohrleitung, jeder Gartenschlauch ist einem Überdruck von 4 bar mechanisch gewachsen. Die Erklärung des Betreibers ist absolut unhaltbar. Wir führen diesen Zwischenfall auf die Wärmeausdehnung der Moderatorstäbe zurück.

Nicht auszudenken ist, wenn die von den Moderatorstäben ausgehenden Spannungen im Behältermantel zur Rißbildung führt. Schlimmstenfalls könnte es zu einem Bersten des Behälters kommen. Die Folgen der dann freigesetzten Radioaktivität für die Bevölkerung wären katastrophal.

Wir fordern deshalb eine lückenlose Aufklärung des Zwischenfalls, Offenlegen aller technischen Details zu dem Konstruktionsfehler und seiner möglichen Auswirkung auf die bereits eingelagerten Behälter, ein Belade- und Transportverbot für alle Castor - Behälter bis unabhängige Gutachter ein Ergebnis vorgelegt haben. Von dieser Begutachtung sind alle Gutachter auszuschließen, die die Fehlkonstruktion nicht bemerkt haben!

Wie lange noch darf die Atomindustrie mit Billigung von Regierungen und Behörden russisches Roulette mit der Bevölkerung und ihren Nachkommen an den Transportstrecken und Zwischenlagern spielen?


Stopping the CASTOR


Interantionale Soli-Grüsse während des Castortransports; zusammengestellt von Renate Jäger

Unser Widerstand wurde international wahrgenommen. Entsprechend trafen Grussbotschaften aus der ganzen Welt ein. Ein paar Auszüge, die ermutigen:

A ustralien/FoE: Euer Protest ist in den Medien. Die Aktionen inspirieren AKW-Gegner in ganz Australien. Wir kämpfen seit Jahren gegen den Uranabbau und jetzt gegen ein geplantes internationales Endlager. Wenn sich in Europa Menschen gegen die Atomindustrie wehren, hat das hier eine enorme meinungsbildende Wirkung.

USA/NIRS: Die Wiederaufnahme der Atommülltransporte in Deutschland hat zu großen Protesten geführt. Der Widerstand ist sehr entschlossen . Die Menschen sind zutiefst überzeugt, dass die Transporte eine Gefahr für Gesundheit und Sicherheit bedeuten. Falls die US-Regierung Endlagerplänen in Nevada zustimmt, muss hochradioaktiver Müll quer durchs Land transportiert werden, und es ist wahrscheinlich, dass es zu ähnlichen Protesten kommt.

Schweden/FoE: .. wir erklären unsere Solidarität. Mit den Transporten will die deutsche Atomindustrie das Problem ihrer erschöpften Lagerkapazitäten lösen. Eine Verhinderung könnte eine Schließung der Atomkraftwerke erzwingen und damit den wirklichen Ausstieg. Das unterstützen wir!

England/FoE: Petition an J.Trittin: ...beenden Sie die Wiederaufarbeitung, und tragen Sie so dazu bei, dass Frankreich und GB die eingegangenen Verpflichtungen zur Reduzierung der radioaktiven Verseuchung der Meere im Rahmen der OSPAR-Konvention von 1998 erfüllen können...

Petitionen der Grünen Parteien Dänemarks, Schwedens und Norwegens an J. Trittin:

..wir protestieren gegen die Wiederaufnahme der Castor-Transporte und unterstützen die entsprechenden Resolutionen der französischen Grünen, des BUND, des Réseau Sortir du Nucléaire und von Greenpeace. ...Die Menschen in der Öresund Region fühlen sich durch den Weiterbetrieb des AKWs Barseback bedroht...Der Widerstand sollte internationalisiert werden, um erfolgreich zu sein. Wir werden an den Protesten im Wendland teilnehmen, da wir so auch unserer eigenen Sache dienen.


Temelin aktuell

Tschechische Umweltgruppen bitten um Hilfe

 

Im tschechischen Temelin befindet sich der erste Block des AKW in der Im tschechischen Temelin befindet sich der erste Block des AKW in der Prüfungsphase. 34 tschechische Nichtregierungsorganisationen haben sich an uns gewendet, mit der Bitte um Unterstützung. Sie möchten die sofortige Stillegung des problematischen Atomkraftwerks erreichen. Denn dieses unsichere Projekt ist völlig überflüssig. Die beiden 1000-MW-Blöcke sollen 11,3 TWh Strom jährlich erzeugen. Der Betreiber die CEZ AG, exportiert heute- ohne Temelin - 12,2 TWh. Rund 90% davon werden unter Preis nach Deutschland abgesetzt. Eine Absetzung dieser Stromexporte würde die CEZ AG erhebliche Probleme bereiten und Temelin würde nicht in Betrieb gehen. Es ist erforderlich, nicht nur Druck auf die Politiker und auf die Stromimporteure in Deutschland auszuüben , sondern auch gemeinsame Aktionen vorzubereiten, meint eine Sprecherin der Organisationen.

Kontakt:
Milada Podperova
Verband der Elektrizitätsverbraucher
Kratka 26 CZ - 100 00
Praha 10
Tel./Fax: 00 420 2 - 781 67 27
http://elektrina.ecn.cz

Stefan Simon


Service

"Dann sieht der Castor alt aus.":

Wir suchen und sammeln gute Ideen für und  gegen den nächsten Castor: Gewieftes und Gewitztes, versponnen, verschlagen oder  verwegen. Die kleine Aktion oder die ganz, ganz große Sache. Neues,  Altes und  Recycletes, schon ausgereift oder nur als vage Idee. Persönlich oder per Brief  an das BI-Büro

Tschernobyl: 15 Jahre danach "Die Angst in einer Handvoll Staub"

Eine Reportage über die Bewohner Tschernobyls von Wolfgang Bauer und Andreas Lobe. Mit einem Beitrag von Christian Frenzel (Otto-Hug-Strahleninstitut) "Atomenergie und die Folgen". 5DM

Im BI-Büro gibt es einen ukrainischen Bild-Band zur Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

gegen ein Pfand auszuleien. Der Text ist in russisch, aber Bilder sagen mehr als tausend Worte

...strahlend wird die Zukunft sein - Castor - Uran - was das eine mit dem anderen zu tun hat, vom Anti-Atom-Netzwerk Sachsen; im BI-Büro erhältlich.

Atommüll: Auch dezentral ist katastrophal. Robin Wood-Broschüre für 3 DM im BI-Büro oder bei Robin Wood

Impressum

Die "GorlebenRundschau" erscheint monatlich und wird herausgegeben von der Bürgerinitiative Umweltschutz LüchowDannenberg e.V. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nich tunbedingt die Meinung des Herausgebers wieder.

Redaktion: Torsten Koopmann S. Simon,

Mitarbeit:

A. Doninger, W. Ehmke, R. Ehrhard,   J. Schuler, R. Jäger, U. Jentzsch, A. Zobel

Auflage: 2.001

BI-Büro, Drawehner Str. 3, 29439 Lüchow Tel.: 05841 / 46 84 Fax: 05841 / 31 97

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Bearbeitet am:27.05.2001 /ad


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