An einem Tag in einer großen Stadt im Rheinland

Der Konflikt um den Castortransport in Niedersachsen beherrscht die Presse und die Auswirkungen der Auseinandersetzung Staat/Atomlobby gegen Bürger zeigt sich auch 500 km südlich, halt im Rheinland.
Nachdem dem örtlichen Polizeipräsidium bekannt geworden war, daß Gegner des Castortransportes Flugblätter auf der Hohenzollernbrücke verteilen wollen, wird das Ambiente zum Beherrschen der bedrohlichen Lage geschaffen.
Ordnungshüter werden von ihren gewohnten Tätigkeiten, z.B. Streifenwagen oder Fahrradstreife fahren, abgezogen und zu jener gefährdeten Brücke hinbeordert. Wobei den Einsatzkräften schriftlich nur mitgeteilt werden konnte, daß man über eine Gefährung besagter Brücke nichts genaues weiß. Auch ich darf mich von meiner sinnvoll geplanten Tätigkeit des Streifefahrens abwenden und der Tätigkeit des Staatschützens zuwenden.


An der Brücke angekommen stelle ich dann fest, daß der Bundesgrenzschutz schon den Eisenbahnteil der Hohenzollernbrücke zahlenmässig gut im Griff hat. Die Stadtpolizei darf sich dem Fußgängerweg widmen und dort mißtrauisch die Passanten beäugen. Dabei wird die Parole ausgegeben, daß auffällige Personen zu durchsuchen und Transparente, Klettergeräte und Flugblätter sicherzustellen sind. Darüberhinaus sind die Staatgefährder mit Platzverweisen zu belegen.


Was mich verwirrt: Mir leuchtet ein, daß Klettergerät auf einer Eisenbahnbrücke, die mit darunter liegender Schifffahrt gesegnet ist, sowie wehende Transparente gefährdene Auswirkungen auf den Verkehrs haben könnten (aha, endlich eine Gefährdung!), aber Flugblätter? Die Rechtsgrundlage ist mir nicht ganz klar. Platzverweise ggü. Menschen mit Anti-Castorplakaten, die keinen wütenden Mob darstellen, der sofort zerstörungswütig losbricht? Augenmaß soll bewiesen werden? Durch wen? Junge Beamte mit sehr kurzen Haaren und sportlicher verspiegelter Sonnenbrille zeigen cool dem Bürger, wer was zu sagen hat. Eifrig werden Menschen kontrolliert … . Ich bin nur froh als der Einsatz vorbei ist und es keine Sicherstellung von Flugblättern und sonstiges gibt. Manchmal ist mein Polizeijob einfach nur ätzend.
Castor, das Szenario, das so weit weg war, kommt näher. Das nächste Mal wird es in Ahaus sein.

S.B.


Zurück zu UNBEQUEM