„Du mußt nicht mitmachen“
Eine unvollständige Sammlung von Erlebnissen, Empfindungen und Bewertungen
nach der gewaltsamen Durchsetzung atomarer Interessen

von Bernward Boden

Samstag, 1. März 1997, 8.30 Uhr
Wir erreichen Lüneburg. Am Bahnhof treffen wir Werner B., ein Kollege aus Dresden. Es dauert, bis die anderen kommen. Ein paar Grenzschützer bewachen das Gelände. Die buntbehaarten Köpfe auf der anderen Fahrbahnseite muten vielleicht merkwürdig an, aber genau darum spreche ich die jungen Leute an. Sie sind freundlich und überrascht über soviel Offenheit. Das Namensschild der „Kritischen Polizisten“ habe ich deutlich am Revers, Offenheit also auch bei uns. Werden wir sie in einer der Demonstrationsorte wiedersehen. Ich befürchte dasselbe wie sie: Wird die Polizei Gewalt anwenden? Die haben doch ihre Befehle, meint jemand aus der Gruppe. Ich sage, daß jeder für sein Verhalten letztlich selber verantwortlich ist. Befehl und Gehorsam seien von gestern.
Endlich sind die anderen da. Wir fahren zum Treffpunkt und besprühen unser Transparent mit dem Namenszug „Kritische Polizisten – Stop Castor“ Wir tragen weiße Overalls. Kritische Polizisten auf einer Demo, immer noch eine Seltenheit?! Ich denke an das Protokoll der Vorstandssitzung: Mit Demonstrationen ist keine Politik zu machen. Arroganz der Verbal-Mutigen? Nicht das erste Mal demonstrieren wir. Viele kommen auf uns zu und begrüßen es, daß wir mitmachen. Immer wieder die Frage, ob wir das denn überhaupt dürften. Im vorigen Jahr hätten Polizisten immer wieder gesagt, das sei nicht erlaubt.

11.00 Uhr
Wir fühlen uns sehr wohl in der Reihe der Traktoren und Demonstranten, die zum Versammlungsort fahren bzw. gehen werden. Das Grußwort eines weißrussischen Wissenschaftlers endet mit dem Applaus für ungezwungene europäische Kommunikation. Die Demo beginnt mit etwas Verzug. Wir erfahren, daß die Demonstration aus der Innenstadt verbannt wurde und nun an einem nahen Park stattfindet.

ca. 13.00 Uhr
Ich begebe mich zur Tribüne und biete an, ein Grußwort zu sprechen. Die Rede wird später als diejenige beschrieben, die den größten Applaus bekam. Junge Welt, taz, alle bekannten Rundfunk- und Fernsehanstalten senden Ausschnitte. Ich bin fest auf dem Boden, weiß was ich tue und bin zufrieden. Zuversichtlich und doch – wie fast immer – irgendwie skeptisch bedenke ich, was die Menschen hier wohl erhoffen. Gedanken beschäftigen mich, die ich nicht sortieren und auch jetzt noch nicht aufschreiben kann. Jürgen sagt mir, er habe eine Gänsehaut bekommen. Die Rede sei sehr bewegend gewesen.

17.00 Uhr
In Dannenberg erhalten wir eine Unterkunft bei einem freundlichen Ehepaar. Dort treffen wir auch auf Korrespondenten bekannter Nachrichtenagenturen, auf junge Leute, grüne Jugend, SchülerInnen usw.

19.00 Uhr
Am späten Abend, nachdem wir das große Camp von x-tausendmalquer besucht haben, Suppe und Brot bekamen, müssen alle bis auf Thomas wieder abfahren. Ich merke, daß sie gerne geblieben wären. Der ehemalige BGS-Beamte wird noch eine große Hilfe sein bei einer Friedensmission, die zeitweise meine physischen Grenzen übersteigt.

22.00 Uhr
Wir sitzen in einer Gaststätte in Dannenberg. Müde von der Arbeitswoche, von der frühen Abfahrt, von der über vierstündigen Fahrt in Dunkelheit, vom Warten, von der Anstrengung der Demonstration, von der Anspannung, von der Konzentration und den Befürchtungen für die nächsten Stunden und Tage. Die Traurigkeit über die mangelnde Unterstützung durch andere (kritische) Menschen, die es angeblich oder vielleicht auch tatsächlich in den Berufsreihen gibt. Werden die, die uns vorwerfen, den Begriff „kritisch“ gepachtet zu haben, tatsächlich die Einladung einer Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer PolizistInnen zu gemeinsamem Tun annehmen? Oder gibt es nur die auf Verbalisierung spezialisierten „Tintenpisser“, denke ich, die den tatsächlich entschlossenen Menschen auf der Antiatom-Demo nur wie Papiertiger vorkommen?! Das Leben findet nicht in intellektuellen Abhandlungen und wohlfeilen Formulierungen statt, sondern dort, wo Kälte, Hunger, Durst und Lust nach einem Leben ohne den Zwang des Geldes fiebert. Alles das geht mir durch den Kopf, während ich mit den Freunden in diesem Lokal sitze.
Nebenan, zum Glück in meinem Rücken, tagen Zivilpolizisten. Sie sind eindeutig an den Schuhen, am Gehabe, an den Themen, an der Form ignoranter Gruppendynamik zu erkennen. Sie mißachten die anderen Gäste. Albernes Geplänkel ist zu hören, sie spielen mit ihren Handys, lassen sie piepsen, ordern den Kellner per Anruf über 4 Meter herbei. Wir reden über die Mentalität, die hinter solch einem arroganten Verfahren steckt. Es ist einfach zum Kotzen.

ca. Mitternacht
Wir gehen auseinander in dem Bewußtsein, zu wenige zu sein. In den nächsten Tagen werden aber auch die Heimgereisten für mich noch wichtig werden. Ohne den Draht nach außen an einen trockenen Schreibtisch hätte ich die Belastungen auch nicht ausgehalten.

Sonntag, 2. März 1997, 6.00 Uhr
Die Zeit rennt davon. Ich erfahre, daß die Tieflader unbehindert in Richtung Verladekran kommen konnten. Ich kenne mich in dieser Gegend kaum aus. Obwohl ich bereits auf der Demowiese in der Nähe des Verladekrans war, habe ich es nicht einmal bemerkt. Später werde ich erfahren, daß ich auf dem Gelände des Demonstrationsverbotes umhergehe. Ich habe mich ja entschlossen, meine Demonstration anders zu gestalten. Ich will beobachten. Ich will nicht hinterhältig beobachten oder provozierend wirken. Ich möchte mit Kolleginnen und Kollegen am Einsatzort sprechen. Ich möchte erkunden, und zwar aus der Perspektive der Castor-Gegner und der radikalen Unterstützer eines demokratischen Grundrechts auf Versammlungsfreiheit als Basis für eine lebendige Demokratie. (BVerfGE zu Brokdorf).
Ich sehe erneut feuchte Augen, auch abweisende Gesichter. Ich weiß, daß ich oft als verhärmt beschrieben wurde, als ich bei Demo-Einsätzen stand. Ist das alles schon so lange her? Ich merke, daß ich keine 20 Jahre mehr bin, die dort sind es zum Teil. Ein anderer Teil ist aber so alt wie ich. Mein Interview mit dem Hessischen Rundfunk ging noch auf die Problematik ein, daß „junge Menschen“ gegeneinander gebracht würden. Es ist etwas anders. Hier stehen durchaus erfahrene Beamte. Dennoch sind viele von ihnen aus ostdeutscher Erziehung hervorgegangen. Ich denke an meine zum Teil autoritären Erziehungsmuster und die Zeit, die ich benötigte, um sie mehr oder weniger zu überwinden. Ich denke an die Feindbilder, die ich überwinden konnte, weil es geduldige Menschen in meiner Umgebung gab, die den Blick für meine Offenheit schärften. Dann wieder erinnere ich mich an den wiederholten Satz des GdP-Bundesvorsitzenden im Frühstücksfernsehen, die Demonstranten drängten die armen Kollegen in die Nähe des Castor und seiner Strahlenbelastung. Drei Sätze weiter sagt er dann, die Strahlung sei nicht stärker als die in einem Flugzeug. In diesem Zusammenhang kommt mir die Galle hoch, als ich an dessen Parteifreund Kanther denke, der die friedlichen Menschen auf dem Demo-Campus als „unappetitliches Pack“ beleidigte.

ab ca. 9.00 Uhr
Ich bin an einer langen Polizeifront. Da stehen sie nebeneinander, die Schilde vor sich, die Helme auf, die Schlagstöcke griffbereit. Gegenüber die Demonstranten. Die Gruppen gehören zusammen. Man achtet auf sich. Fast alle sitzen. Presse und Beobachter gehen herum. Über uns kreisen seit Stunden die Helikopter. Ursprünglich gespenstisch im Dunkeln erleuchten sie mit ihren hellen Lichtkegeln die kleinsten Ecken. Jetzt scheint die Sonne langsam. Ich spreche meine Kollegen an, Thomas ermutigt mich. Das könne ich doch gut, das sei doch jetzt meine Aufgabe. So stehe ich an einer Ecke der langen Polizeikette, gehe zunächst entlang, schaue jeder und jedem ins Gesicht. Ich versuche, hinter den wie Masken wirkenden Kinnschützern den Mensch zu erkennen. Das Individuum ist zwar jetzt Teil einer Einheit, und doch weiß ich zu gut, daß jeder Einzelne seinen Kosmos in sich trägt. Härte verbirgt Unsicherheit, Schweigen verdeckt Verletzbarkeit, Aggressivität würde ich als Suche nach Anerkennung und Wahrnehmung definieren. Ich weiß, daß es auch Energien gibt, die zu Machtmißbrauch führen. Und doch ist der Haß auf diese Menschen kein Weg, den ich gehen will.
Hinter mir spüre ich das Interesse an meinen Gesprächen, die ich hier führe. Die Kameras nähern sich, die Mikrophone unter mir. Werde ich noch offen reden können? Ich ja, aber die Kollegen dort? Noch spüre ich die beiden Seelen in meiner Brust, ich könnte ja selber dort stehen. So kann kein Haß aufkommen. Ich kann die Ängste spüren, die doch meist nicht zugegeben werden. Ich weiß wiederum, daß ein Funken der Liebe genauso wirksam sein kann wie es ein solcher der Feindschaft. Spiegelbilder ein und derselben Seele, die genährt wird mit Erleben und Erfahrung.

Mittag
Wir sind nach Gorleben zum künftigen Zwischenlager gefahren. Die Befürchtung, das könne ein Endlager werden, ist bekannt. Daran denke ich aber nicht einmal. Ich sehe die Traktorendemo. Später wird es heißen, daß ca. 730 Traktoren daran teilnahmen. Phantasievoller Karneval bei strahlendem Sonnenschein, Rundfahrten um den Strahlentempel, der Einsatzkosten von bis zu 100 Millionen DM in diesen Tagen verschlingen wird. Nicht eingerechnet die Kosten, die jeder Demonstrant auf sich nimmt, um der Macht des Kapitals diejenige der Überzeugung entgegensetzt, daß eine friedliche Demonstration die Dauerpräsenz bis zum Erfolg voraussetzt. Die Gewalt soll nicht gewinnen, sondern die Phantasie und Kreativität sollen mit einem Lächeln die Masken bezwingen. „Wir sind das Lächeln“ steht denn auch über dem großen Camp von x-tausendmalquer in der Nähe des Verladekrans.
Familien haben ihren Sonntagsausflug offenbar ans Zwischenlager verlegt. Ich rede mit den Menschen und erfahre, daß es Solidarität und nicht Schaulust ist, die sie hierhin treibt. Nicht alle können die nächsten Tage demonstrieren, aber denjenigen, die hier ausharren gilt ihre Sympathie.
Ich bekomme einen Kaffee an irgendeinem Pkw am Rande der Demostrecke. Von einem Traktor, auf dem die Szene prügelnder Polizisten spielerisch und ohne Übertreibung dargestellt wird, werden kleine Schokoküsse mit Atomaufkleber gegen Spende gegeben. Es ist ein Atomkraftwerk dargestellt, der Zahnstocher ist der Schornstein. Lachen auf allen Gesichtern, Fröhlichkeit trotz des thematischen Ernstes. „Wir sind das Lachen“, denke ich wieder mit Blick auf die ernsten Gesichter der Kollegen, die ich so oft am Wegesrand sehe. Immer wieder Gespräche. Jeder Gesprächspartner erfährt, daß ich Polizist bin und daß wir von der Arbeitsgemeinschaft der Kritischen Polizisten sind, von der sie soviel gehört haben. Ihr seid wichtig, wir wissen, daß nicht alle Polizisten schlecht sind oder prügeln wollen oder den Castor-Transport wollen oder im Einsatz sein wollen. Warum trauen sich so wenige, Urlaub zu nehmen? Warum habt ihr Kritischen so wenige Mitglieder? Was ist mit dieser Polizei los? Fragen, auf die ich auch nicht immer eine Antwort weiß. Vielleicht gibt es ja doch keine wirklich kritischen PolizistInnen, wie ich sie mir vorstelle. Befehl und Gehorsam dominieren wohl noch immer das preußisch geprägte Ausbildungsbild. Da können auch die Polizeipfarrer nichts entgegensetzen, gehören sie doch schließlich auch einer weitgehend so gegliederten Kirche an. Und: Wieviele PolizistInnen sind überhaupt religiös ansprechbar, ist das nicht ähnlich wie in der Gesamtgesellschaft? Ist nicht die christliche Union in Wirklichkeit nur der Begriffsmißbrauch? Ist nicht die soziale Demokratie in Wirklichkeit schon längst eine Toskana-Gesellschaft? Sind die Grünen nicht in Wirklichkeit meist bürgerliche Großerben? Ich weiß es nicht, aber diese Gedanken beschäftigen mich gerade an diesem Demonstrationsort.

ca. 13.30 Uhr
Vor dem Zwischenlager-Eingang in Gorleben spreche ich einige Kollegen an. Mit einem Hauptkommissar unterhalte ich mich über die Friedlichkeit, die wir an vielen Orten auf der Strecke zwischen Dannenberg und Gorleben beobachten konnten. Wir reden über die Belastungen der Kolleginnen und Kollegen. In das Gespräch mischt sich ein Oberkommissar des BGS ein. Er fragt etwas über einen angeblichen Kesseleinsatz, bei dem Festnahmen erfolgt seien. Dann weiß er aber selber die Antwort und meint, ein Kessel sei es wohl nicht gewesen. Seine rechte Schulter schiebt sich rücksichtslos vor meinen Körper. Nach dieser Störung geht er wieder. Ich spreche den Kollegen darauf an und frage, ob er die kommunikative Situation gesehen habe. Er hat. Und bewerten kann er es auch. Wir müssen nicht weiter darüber sprechen. Ich sage nur, daß das ein Signal sei, daß sich in anderen Einsatzsituationen negativ auswirken könne. Und ich drücke meine Befürchtungen aus, wenn die Einsatzleitung solche Führungsbeamte einsetzt.
Danach rede ich mit den Kollegen auf den ihm unterstellten Gruppenwagen. Zunächst Verschlossenheit, Schweigen, vielleicht auch vereinzelt Abwendung. Wer will auch immer diskutieren, denke ich. Vielleicht sind die Kolleginnen und Kollegen ja schon oft angesprochen worden. Deutlich erkenne ich in den glänzenden Augen einiger der dort vor dem Tor stehenden KollegInnen, daß sie den Tränen nahe sind. Keine Aggression gegen die kritischen Polizisten, wie ich sie früher auf einer Dienststelle einmal erlebt habe. Auch kein Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Nicken zu meinen Argumenten, Zustimmung zur Einschätzung der Gefahren, auch Ablehnung des Castor-Transportes bei gleichzeitiger Anerkennung der polizeilichen Bewachungsaufgabe. Zwei Seelen in einer Brust. Nicht anders bei mir selber, nur: Ich stehe heute nicht unter einem Befehl, sondern ich bin lediglich – wie täglich – Recht und Gesetz unterworfen. Ich bin nicht verpflichtet, den Castor zu schützen, sondern ich darf mich auf den Schutz der Grundrechte allein verpflichtet fühlen. Leben, körperliche Unversehrtheit, Demonstrationsrecht, Anspruch auf Verhältnismäßigkeit der Mittel, Meinungsfreiheit, u.v.a.
Durch Thomas ist Reflexion gewährleistet. Manchmal können wir auch lachen oder über die einfallsreichen Traktorendekorationen schmunzeln. Friedlicher Protest gegen eine unfriedliche Atompolitik, denke ich.
Auf dieser Demonstration, die absolut friedlich verläuft, sind Alte und Junge, Bauern, Handwerker, Menschen aus allen Schichten. Fast alle sind aus der Region. Von Wegen Demo-Tourismus. Dieser Landstrich ist gegen das Atomlager, die Atomtransporte, die Kosten der Atomenergie und gegen Gewalt. Ein Eindruck, der positiv in meiner Erinnerung bleiben wird. Hoffentlich wird solchen Demonstrationen genügend Beachtung geschenkt in der Medienlandschaft. Ich fürchte, das langweilt die Redakteure. Sie wollen wohl „Action“ sehen. Frieden ist der Weg, Gewalt ist das Ende.

ca. 14.30 Uhr
Wir sind unterwegs in einen abgelegenen Ort, Liepe. Jugendliche hatten die Idee, für die Kritischen Polizisten Flugblätter zu drucken, die an die Kollegen und Kolleginnen verteilt werden könnten. Dialog durch Übergabe einer Aussage, die mitgenommen und reflektiert werden kann, ist meine Sache. Und dazu die Idee, eine Telefonnummer freizuschalten, die von PolizistInnen – und natürlich von anderen auch – angerufen werden kann, und über die ich und die BAG Kritischer PolizistInnen erreicht werden kann.

15.30 Uhr
Nach Umwegen erreichen wir endlich Liepe. In dem Bauernhaus sehe ich den Entwurf für das Flugblatt. Darauf steht: „Du mußt nicht mitmachen – Wende Dich an die BAG ….“ und dann eine Telefonnummer. Ich ergänze den Text um einen kleinen Zusatz: „Du bist im Einsatz – wir setzen uns ein“. Ich habe mir überlegt, daß dieses Wortspiel vielleicht dem Denkbereiten deutlich macht, wo Freiwilligkeit und Zwang sich unterscheiden. Mir befiehlt hier niemand den Friedenseinsatz, sondern ich setze mich – gemeinsam mit Thomas – für diesen ein. Durch die presserechtliche Verantwortlichkeit mit Namen und Vornamen vermeide ich bewußt Anonymität. Am nächsten Tag werden diese Blätter zum „Einsatz“ kommen. Nach leckeren Broten mit Käse und Schinken sowie einem guten Kaffee und dem Händedruck mit offenen freundlichen Menschen fahren wir nach Platenlaas zum Café Grenzbereiche. Dort wird unsere Hotline auflaufen.

18.35 Uhr
Wir erfahren in der Pressestelle, daß es einen ersten Einsatz der Polizei gegeben habe, bei dem eine Bauernblockade durch Kräfte der Magdeburger Polizei geräumt worden sei. Dabei soll Tränengas eingesetzt worden sein und es möglicherweise einen Verletzten gegeben haben. Weil ich von Leipziger, Magdeburger und Berliner Eingreifkräften aus Vorgesprächen nicht nur Gutes gehört habe, wollen wir der Sache einmal nachgehen. Die Polizei sei nur einmal rein und dann wieder hinaus. In dem Ort Splietau war ich noch nicht. Also wird es Zeit. Ich versuche mich unterwegs zu erkundigen. Man hat davon gehört. Eine Frau berichtet mir, sie sei von der Polizei an den Fahrbahnrand gedrängt worden:
„Ich war auf der Umgehungsstraße. Ich wollte zum Camp x-tausendmalquer bei Langenberg. 500 m vorher kommt mir in einer Kurve ein Räumfahrzeug entgegen, blendete mich. Wenn ich nicht gebremst hätte, wäre ich frontal mit ihm zusammengestoßen. Ich bin der Meinung, daß die Polizei ein wenig die Verkehrsregeln beachten sollte. Das Räumfahrzeug hatte ein Kennzeichen „MD“ wie Magdeburg. Mehr konnte ich nicht ablesen. Es ist eine Dreistigkeit. Ich möchte aber nicht sagen, wie ich heiße.“
Thomas erklärt nochmal, wer wir sind. Wir wollen die Lage beobachten. Als die Leute erfahren, daß ich die Rede in Lüneburg gehalten habe, kommt Freude auf. Sie sagen: „Das hat gut getan“. Die anderen Polizisten sagen immer, sie würden nur Befehle ausführen.

ca. 19.00 Uhr
Auf dem Rückweg vom Camp x-tausendmalquer zum Auto spricht mich ein Mann an:
„Zunächst einmal ein Lob an die Polizei. Die Räumung der Turnhalle (wo die Kinder der Schule waren) ist sehr menschlich und friedlich verlaufen. Gegen 15 Uhr allerdings ist es zu einer Peinlichkeit gekommen. Eine Freundin von mir, die im Bereich Altenpflege tätig ist. Ihr ist eine Heiminsassin anvertraut, eine halberblindete 78jährige Frau, die ein wenig geistig verwirrt ist, wollte zum Geburtstag ihrer Tochter genau zum Zeitpunkt der Räumung entlang gehen. Sie wollte einen Weg durch die Polizei finden und hatte auch Papiere dabei. Das ist nicht erlaubt worden. Die Frau saß nun ziemlich aufgelöst bei meiner Tochter und trank Tee und verstand die Welt nicht. Sie war nun noch stärker verwirrt als sonst. Es müßte doch der Polizei möglich sein, einer solchen alten Frau einen Weg zu bahnen. Das müßte doch von den vielen Polizisten einer möglich machen können. Die Frau kann keinen Widerstand leisten, das sieht man ihr doch an. Sie ist ja auch 78 Jahre. Die Situation war ja auch völlig friedlich dort. Da hätte man doch ein gutes Beispiel geben können. Man hat das nicht mal nachträglich geradegerückt.“
Ein anderer ergänzt zur Räumung der Bauernblockade:
„Die Turnhallenräumung in Dannenberg war am Donnerstagnachmittag. Da hat sich eine Hundertschaft der Magdeburger Polizei vor dem Autohaus Stöther, ein Suzuki-Händler, aufgestellt. Auf dem Bürgersteig oder sogar auf seinem Gelände, das weiß ich nicht mehr so genau. Der wollte das nicht, weil seine Geschäftskunden dort gestört wurden, wie sie dort standen. Er hat einen Magdeburger Polizisten daraufhin angesprochen, während er auf dem Werkstattgelände stand. Er bekam von dem Magdeburger Polizisten zur Antwort: „Verpiss Dich, Mensch!. Er hat eigentlich keine Polizei mehr auf sein Gelände lassen wollen. Da kam aber dann eine Hannoveraner Gruppe. Da hat er gesagt, daß er lieber die Hannoveraner dort sähe als die Magdeburger.“

19.15 Uhr
Wir fahren auf Splietau zu, weil es dort angeblich noch immer Einsätze der Polizei gibt. Viele Fahrzeuge stehen im Ortskern. Es nähert sich mit Blaulicht Polizei. Ich erkenne zunächst nicht die Zusammenhänge. Vor mir sehe ich einen Lautsprecherwagen der Bürgerinitiative. Was ist hier zu erwarten? Ich lasse mein Diktiergerät laufen. Ich nenne die Kennzeichen der BGS-Fahrzeuge, offenbar die Technische Hundertschaft. Sie stoppen neben mir. Ich habe ein wenig Angst, hier zu stehen. Die Einsatzkräfte haben den Helm auf. Die Besatzungen steigen schnell und entschlossen aus. Sie gehen in drei Gruppen auf die Situation vor uns zu. Durch ein davor stehendes Zivilfahrzeug kann ich zunächst nicht viel erkennen. Dann sehe ich dahinter einige Leute auf der Straße sitzen. Dahinter Traktoren quer über die Fahrbahn. Es ist dunkel. Ich gehe mit Journalisten nach vorne. Die BeamtInnen stürmen auf die dort Sitzenden zu. Es gibt keine erkennbaren Aggressionen. Drei oder vier Sitzdemonstranten hinter der Kreuzung. Gefahren für den Straßenverkehr bestehen nicht, weil die gesamte Strecke Vorwarnungen zeigt und auf mäßige Geschwindigkeit gedrungen wird. Die BeamtInnen stehen den Sitzenden unentschlossen gegenüber und gehen schließlich wieder zurück. Aus der Menge im Rhythmus der kleinen Nachtmusik Gesang: „Lü, lala, lalülülala“. Allgemein eine fröhliche Stimmung, die bei der Polizei wohl eher als Verhöhnung aufgenommen wurde. Dann eine Lautsprecherdurchsage. „Eins, zwei, drei. Hier vom Lautsprecherwagen der Bürgerinitiative eine Information. Die Polizeieinheit ist hier aufgefahren, ohne zu wissen, daß hier gesperrt ist. Wir bitten, hinter dem Lautsprecherwagen die Seitenstraße freizumachen, damit die Polizei wieder wegfahren kann. Wenden oder Weiterfahren geradeaus ist ja nicht möglich. Bitte Platz machen hinter dem Lautsprecherwagen.“
Es folgt lauter Jubel und Rufe „Auf Wiedersehen“. Noch steht die Polizei dort. Die Kameraleute gehen auf sie zu. Dann steigen alle PolizeibeamtInnen ein und fahren davon. Hinter ihnen erschallt immer wieder der Ruf „Haut ab, haut ab“. Dann Trillerpfeifen. Der letzte Gruppenwagen biegt ab. Es kehrt wieder Ruhe ein.

19.45 Uhr
Treffen mit dem Komitee für Grundrechte. Die Doppelrolle, einerseits als Sprecher einer Organisation (Kritische PolizistInnen) und zugleich als Beobachter, lastet auf mir.

23.40 Uhr
Auf dem Weg zu unserer Wohnunterkunft fährt vor uns auf dem schmalen Weg ein Mannschaftswagen der Polizei. Ich bleibe dahinter, weil ich überlege, was die wohl hier in der total abgelegenen Straße suchen. Wir haben seit gestern Abend zwar überall einsam stehende Polizeifahrzeuge gesehen und überlegen, wie es den Kollegen ergehen mag. Wieder und wieder hält der Wagen an und fährt weiter. Bis er schließlich stoppt. Mehrere KollegInnen steigen aus und leuchten uns mit Taschenlampen an. Ich stelle mich vor und frage, was los sei. Vorbeifahren habe ich nicht gewollt. Das aber haben die KollegInnen vorne anders interpretiert. Es scheint eine gereizte, angespannte Stimmung zu sein. Ich wiederhole unaufgefordert meinen Namen und meine Rolle als Beobachter der Kritischen PolizistInnen vor Ort. Er meint, „diese Verhaltensweise“ gefalle ihm nicht. Auf die Frage, welche Verhaltensweise, erfahre ich, daß das Fahren hinter dem Mannschaftswagen nicht erwünscht sei, auch wenn der Abstand so eingehalten werde, wie wir es gemacht haben. Zwar gab es kein Zeichen zum Vorbeifahren und das Überholen wäre auch auf der schmalen Straße nicht unproblematisch gewesen, aber wir hätten erkennen sollen, daß wir vorne fahren sollten.

Montag, 3. März 1997, 4.30 Uhr
Hubschrauber kreisen über unserer Unterkunft. Es klingelt die Mailbox meines Handys: Polizeiverbände sind in Richtung Splietau unterwegs, es geschehe etwas seit 5 Uhr. Dort sei auch die Straße unterhöhlt. Wir fahren in Richtung Splietau, wollen mehr wissen. Unterwegs sehen wir viele Kollegen. Die Magdeburger Polizei gilt als besonders unfreundlich und brutal. Mich interessiert die Wirklichkeit, die Differenzierung. Ich erfahre zunächst nichts als verschlossene Mienen. Als ich nicht nachlasse, beginnt allmählich ein Zugang. Die Kollegen haben seit 10 Stunden nichts zu Essen bekommen haben, müssen seit drei Stunden ausgerechnet an diesem Ort stehen, was auch nicht alle einsehen. Hier ist kein Demonstrant, keine erkennbare Tat geschehen.

6.25 Uhr
Ich bin von Splietau zurückgefahren und stehe nun an einer Straßenabzweigung auf halber Strecke. Seit über einer Stunde kreist über uns ein Hubschrauber. Kollegen mit Helmen und Schilden stehen am Straßenrand. Sie frieren offensichtlich, treten auf der Stelle. Demonstranten sind nicht zu sehen. Ich gehe auf die KollegInnen zu. Wieder die ernsten Gesichter, vereinzelt aber auch offene Menschen unter den eingesetzten Kräften. Die Begeisterung dieses Einsatzgrundes ist ihnen anzumerken. Ich erfahre Argumente zum Atomtransport, die aus einem Werbefilm der Atomlobby stammen könnten. Wenig reflektiert, schon gar nicht engagiert. Ich nehme es niemandem übel und erinnere mich an meine ersten Jahre im Polizeidienst. Seit 23 Jahren verändern sich Einstellungen durch Begegnungen. Ich erkundige mich nach dem seelischen und körperlichen Zustand. Es gibt auch Leute, die sauer sind. Aber wohl nicht auf uns. Die Leute sind aus Magdeburg. Ich sage ihnen, was ich von Einsatzverhalten der letzten Jahre von ihnen weiß, und was ich aus den letzten Tagen höre. Ich merke deutlich, daß es diese Kollegen nicht alleine sein können. Einige sagen mir, daß sie nicht im Einsatz sein wollen, aber keine Alternative wissen. Dann erfahre ich, daß viele ostdeutsche KollegInnen in meinem Alter oder knapp darunter noch übernommen werden müssen, also nicht lebenslänglich angestellt sind. Ich hatte davon schon gehört, aber hier stehen sie vor mir. So sehe ich in den Augen nach einiger Zeit ruhigen Gespräches, daß es auch Traurigkeit und Hilflosigkeit, Unsicherheit und Ängste gibt, auch wenn das so leicht niemand zugeben will. Ich frage, ob Gewerkschaftsvertreter da seien oder da waren oder andere „wichtige“ Gesprächspartner. Es wird verneint. Stattdessen stehen diese Kollegen hier schon über drei Stunden und haben seit 10 Stunden nichts gegessen oder getrunken. Ich sage, daß sie dagegen etwas unternehmen können und sollen. Es sei entwürdigend, so behandelt zu werden. In der Kälte zu stehen, an unsinnigen Stellen verbraten zu werden usw., das sei – so sage ich deutlich – ein unverantwortliches Verhalten von Vorgesetzten. Ich sei bereit, mit diesen zu sprechen. Das muß wohl jemand mitbekommen haben. Es erfolgt sofort eine Ablösung.
Die neuen Leute sind erstmal völlig zu, wirken sauer, verschlossen. Auch sie werden kurz darauf erneut ausgewechselt. Dann erst folgen die Kräfte, die wohl ausgeschlafen sein müssen. Ich glaube, daß wir vielen neuen Mut gegeben haben, kritisch weiterzudenken und vielleicht haben wir ein paar Freunde für die Zukunft gefunden. Ich habe jedenfalls weniger demonstriert als diskutiert, weniger beobachtet als kommuniziert. Mein Versuch, Brücken zu bauen. Das Komitee für Grundrechte und Demokratie, mit dem ich den Beobachterstatus teile, wird mir verzeihen, daß solche Grenzgänge sein mußten. Es geht um Demokratie und Grundrechte, um Menschenrechte und Bürgerrechte, um Feindbildabbau und Geschehensbeobachtung, damit diese Gesellschaft nicht noch weiter auseinanderplatzt. An allen Demonstrationsorten die gleichen Gespräche. Zustimmung, Ermunterung und Dank bei den friedlichen Menschen auf den Geländen in meist verbotenem Gebiet. Nicken und leise Zustimmung bei den Kollegen in Uniform, männlich und weiblich. Ich danke Euch für die kleinen Signale der Zustimmung aus den behelmten Reihen. Es hat mich ermutigt, weiter das Gespräch zu suchen. Darum bleibe ich, obwohl Thomas Dienstagabend abfahren wird. Dann werde ich auf mich gestellt sein und ab und zu vielleicht mit dem Komitee Kontakt haben. Ohne Kontakt zu zuverlässigen Menschen halt ich das sonst nicht aus.

vormittag
Wir fahren zu den bekannten Versammlungsorten. Die Menschen in den Camps versorgen sich mit Kaffee, Tee, Broten, Suppen. Es erinnert an ein Pfadfinderlager. Einige hundert Meter entfernt die Strecke vom Verladekran. Auf den Wegen sitzen im Strohlager die Entschlossenen.

14.15 Uhr
Wir fahren in Richtung Ahndorf bei Neetzedorf. Thomas fällt auf, daß an den potentiellen Konfrontationsstellen entlang der Bahnstrecke Auszubildende anwesend sind oder eingesetzt werden sollen oder zumindest in Bereitschaft stehen. Dies erinnert ihn an Ausbildungsabschnitte, die er 1992 schon immer wieder geübt hatte. Er meint, daß es sich im Anblick der Auszubildenden nicht um eine allgemeine Ausbildungseinheit handelt, sondern daß es sich um eine gezielte Ausbildung für Castor-Transporte handeln könnte. In Ahndorf muß es – so erfahren wir beim Eintreffen – kurz vorher zu einer Auseinandersetzung zwischen Polizei und Steinewerfern gekommen sein. Mir war bekannt, daß am Vortag ein Polizeieinsatz war, der als provozierend empfunden wurde. Man hatte den Demonstranten vorgeworfen, Kanaldeckel beschädigt zu haben. Nicht klar war, ob das auf den Gleisen oder ganz woanders war. Tatsächlich – so berichten mir besonnen wirkende Menschen, darunter ein Pastor – sei die überwältigende Mehrheit der Demonstranten gegen die Steinewerfer vorgegangen. Auch dieses Camp lehne Gewalt als Mittel ab.

früher Nachmittag
Ich bringe Thomas zur Bahn nach Lüneburg. Von dort werde ich auf dem Weg nach Dannenberg noch ein paar Leute mitnehmen, die aus Mecklenburg stammen. Auch sie sind friedenswillig und freuen sich, daß x-tausendmalquer eine überzeugende Aktion ist. Den restlichen Nachmittag verbringe ich in und um Dannenberg. Ich stehe an der Schranke zu dem Bahnübergang, den man von der Esso-Tankstelle aus erreicht. Ein einzelnes Fahrzeug des BGS zwei BGSler sitzen darin. Ich nehme mir vor, mit den Kollegen dort zu sprechen. Also parke ich neben ihnen, außerhalb der Fahrbahn auf dem befestigten Grasstreifen. Ich steige aus und werde sofort angebrüllt. „Fahren Sie da weg!“ Ich lächle sie an, da sie ja nicht wissen können, warum ich gerade mit ihnen sprechen will. Ich stelle mich mit Namen und Berufsgruppe vor, damit sie sehen, daß ich von den kritischen PolizistInnen bin. Mein Namensschild hängt außerdem am Revers. Doch ich komme nicht mehr dazu, mit diesem Kommißkopf zu reden, denn er brüllt erneut „Weg da!“. Ich wiederhole, daß ich nur kurz … „Wegfahren!“ Zugleich nähern sich mir von hinten drei ellenlange BGS-Beamte bedrohlich und umrunden mich. Sie haben meine Vorstellung wohl nicht mitbekommen. Also stelle ich, da ich keine Eskalation will, meinen Wagen auf die Fahrbahn. Jetzt steht er verkehrsbehindernd. Ein Zug Polizei mit Panzerwagen, Gruppenwagen etc. rast aus Dannenberg kommend über die Gleise. Kein Demonstrant weit und breit. Ich gehe erneut zu dem Brüllbeamten und frage ihn, warum er mich so anbrülle. Er erwidert kaltschnäuzig, daß das ja zum Beispiel bei mir etwas nütze. Ich beende diese unerfreuliche Kommunikation mit dem Uniformierten und bin mir bewußt, daß so einer auch brutal zulangen wird, wenn es einmal losgeht. Offenbar ein Castor-Prügler, der nichts kapiert hat und nichts kapieren will. Er erlebt physisch den Atomstaat in sich als Wegbereiter der Kanther-Politik mit anderen Mitteln. Die Gedanken lasse ich ihm gegenüber aber nicht anmerken. Ich ziehe mich zu den Menschen zurück, die friedlich demonstrieren. Die Anwesenheit von Polizei stört mich jetzt.

ca. 18.00 Uhr
Am Bahnübergang in Dannenbergsind muten die hell bestrahlten Szenen gespenstisch an. Ein Panzer des BGS, behelmte Beamte, kaum ein Mensch ist zu erkennen, nur die militaristisch anmutenden Uniformen. Die Schranke ist zu. Eine Mutter mit dem Kinderwagen darf durch, sonst niemand. Gespräche am Rande mit einem Polizisten. Es dauert nicht lange, da wird er von einem Vorgesetzten am Bus abgeholt. Man will wohl nicht eine zu freundschaftliche Stimmung aufkommen lassen, vermute ich. Wenn es niemand erklärt, dann kommen eben solche Gedanken.

Dienstag, 4. März 1997
An der für Demonstrationen gesperrten Zufahrtstraße vom Verladekran gibt es Wohnhäuser. Ich bin schon den ganzen vormittag hier. An der Ecke gibt es Brote mit Aufstrich, auch Kaffee. Freundliche Gesichter stehen dort. Propst Wolpers aus Lüchow begegnet mir kurzzeitig. Wie spät es eigentlich ist, weiß ich nicht. Meine Uhr ist schon lange stehengeblieben. Später erfahre ich, daß der Propst zu einer Deeskalationsgruppe der Polizeiseelsorger gehört. Die Polizei hat es versäumt, Einsatzleiter Dautert will es wohl nicht. Dautert wurde mir schon öfters als selbstherrlich geschildert. Mein Wunsch, mit diesen Leuten mal zu reden, ist unerfüllt geblieben. Harte Linie erlaubt kein Gespräch mit einem wie mir. Aber wer nicht will, der hat schon. Arroganz der Macht ist in diesem Lande ja an vielen Orten zu spüren.
Mir ist mehrfach zu Ohren gekommen, daß Provokateure ganz offenbar mit Polizei oder anderen Diensten in Kontakt standen. Auch die Presse hat solche Personen gefilmt. Vorsichtig taste ich mich wieder zur Infostelle. In den letzten Tagen hatte ich ca. 25 Telefoninterviews oder Gesprächswünsche von in- und ausländischen Journalisten. Ich fordere, daß für die BeamtInnen ein örtlicher Betriebsrat gegründet wird, ein Sprecherrat für Kontakte mit der BI und vor allem mit der Führungsstelle. Eine revolutionäre Vorstellung. Polizei und BGS funktionieren heute, im Jahre 1997 immer noch allein auf Befehl und Gehorsam, bemerke ich. Und ich kritisiere die wiederholten Angriffe des Gewerkschaftsvorsitzenden Lutz (GdP) gegen die Atomkraftgegner, die angeblich PolizistInnen in gefährliche Nähe der Strahlen brächten. Und dies, obwohl er in einem der nächsten Sätze sagt, es gebe keine gefährliche Strahlung.
Auf der Wiese erläutert ein Vertreter von Robin Wood die Strahlengefährlichkeit in der Umgebung des Containerfahrzeugs. Mir wird klar, daß die PolizeibeamtInnen in der Nähe des Castors immer noch am meisten gefährdet sind. Wir demonstrieren hier also auch und gerade für die, die später Gewalt einsetzen werden, um die Demonstrationen zu beenden. Perversion unserer Zeit. Wieder und wieder spreche ich mit den KollegInnen. So manche Traurigkeit ist spürbar. Doch die Grenzen sind zwischen uns. Ich verabrede mich u.a. mit Monika vom BGS und Silvio von den Magdeburgern für die Zeit danach. Sie wollen sich melden. Werden sie es tun?
Während vor Tagen noch Vorgesetzte bzw. Gruppenführer in die Gespräche eindrangen und jedesmal die Kommunikation unterbrachen, wenn sie zu persönlich wurde, ist das jetzt vorbei. Es scheint zur Gewohnheit geworden, mit den grenzüberschreitenden Gesprächen – so hat man wohl zu Recht erkannt – wird die Menschlichkeit beiderseits gefördert und es werden Feindbilder abgebaut.
In der Hannoverische Allgemeine Zeitung bezeichnete der Niedersächsische Innenminister Glogowski mit Blick auf ca. 50 Prozent Atomkraftgegner in der Polizei den Einsatz als eine Pflichtveranstaltung. Der scheinbare Sozialdemokrat, dessen Partei mal Gewerkschaftsgeschichte mitschrieb, duldet keinen Widerspruch. Polizei ist also doch Büttel. Wohin sind die Sozialdemokraten angelangt, seit Brandt tot ist?! Wird keine Demokratie mehr gewagt?

ca. 18.00 Uhr
Die Sitzdemonstranten sitzen nach wie vor auf der Fahrbahn. Die Stimmung ist gespannt und doch gut. Nur die Polizei aus Niedersachsen schaut verbissen. Mit ihnen konnte ich noch nicht reden. Als ich in der Nähe der Absperrung bin, gerate ich zwischen die Seiten. Große Gestalten sind in Richtung Westen unterwegs und ich kann nicht von der Polizei weg. Die aber fackelt nicht lange und schiebt. Ich bitte den Kollegen in der Uniform mit dem Niedersachsen-Pferd, er möge mit mir geduldig sein, ich wolle nur beobachten und könne nicht voran. Der biestert mich an: „Mach Dich weg hier“ und stößt mir in den Rücken. Ich drehe mich um und bitte um Geduld. Er schubst und schiebt. Ich frage ihn, warum er körperliche Gewalt gegen mich einsetzt. Den ficht das nicht an. Ich frage ihn nach dem Namen, den er mir nicht sagen will. Ein Kollege sagt, er heiße Thorsten. Den Nachnamen erfahre ich nicht. Dann ist er weg. Ehe ich mich versehe, stehen BeamtInnen aus Sachsen-Anhalt hinter mir. Ich bitte darum, den lokalen Verantwortlichen zu holen. Es kommt ein Polizeipfarrer hinzu. Ich erläutere ihm auf Nachfrage den Ablauf und ergänze, daß es weniger um die kleine Angelegenheit mir gegenüber gehe, sondern darum, daß eine solche Situation bei anderen auch Gegenreaktionen hervorrufen könne, die ihrerseits wieder zu Gewaltanwendung durch die Polizei führen könne. Das wolle ich vermeiden helfen. Er und die Dienstgruppe dort waren wohl ausgeruht und vernünftig. Ich konnte meine Unabhängigkeit wahren und wieder normal kommunizieren. Die Bemühungen, Hundertschaft, Zug, Gruppe oder Funkrufzeichen zu erfahren, sind jedenfalls fehlgeschlagen. Die konnte auch der Polizeipfarrer oder der Vorgesetzte nicht erfahren. Vielleicht gibt es ja eine nachträgliche Bearbeitung, hoffe ich. Das soll genügen. Wieder mal zeigt sich, wie wertvoll individuelle Kennzeichen sein könnten. Die anonyme Gewalt schützt wohl doch eher vor individueller Verantwortung. Im Dunkeln läßt sich munkeln.

22.30 Uhr
Den Leuten erkläre ich, daß ich jetzt gehen werde. Ich wärme mich am Feuer auf. Doch wieder sind viele da und sagen, jetzt könne ich unmöglich gehen. Ich hätte soviel Hoffnung gegeben, nun solle ich doch vor Ort bleiben. Ich stimme zu und werde in der Kälte übernachten. Ich zittere. Durchfroren trotz Schlafsack und Iso-Matte.

Mittwoch, 5. März 1997, 04.30 Uhr
Leider verschlief ich die ersten Abräumaktionen der Polizei. Ich war sowieso mit Körper und Seele fertig. Die Anstrengungen der letzten Tage gingen an meine physischen Grenzen. Hinzu kam, daß Vermittlungsbemühungen nicht fruchteten. Die Führungsstelle wollte mit mir nicht reden.

ca. 5.00 Uhr
In diesem Augenblick, in dem ich vor Kälte zitternd und am Rande stehend das Vorgehen der Polizei beobachte, kommt mir mit dem Schild „Demokratie“ ein junger Mann entgegen. Auf der Strecke wollte und konnte ich nicht sein. Aber als Beobachter wollte ich vor Ort sein. Nun weinten wir, als er von meinen Kollegen mit starkem Wasserstrahl gewaltsam zur Bewegung aufgefordert worden war. Das Gespräch einen Tag zuvor, die guten Worte über die sehr unterschiedlichen Polizisten, hatte ich noch im Ohr. Ich habe nicht verhindern können, daß Gewalt durch meine Berufsgruppe eingesetzt wurde. Die Gewaltbereitschaft des Staates ist mir einfach zu groß, denke ich in diesem Moment. Der hätte es doch gar nicht nötig.

6.00 Uhr
Der Wasserwerfer agiert radikaler. Offenbar wurden die Mannschaften ausgewechselt oder das Kommando verändert. Ich kann das von hinten nicht beobachten. Nach vorne traue ich mich nicht mehr. Wo Gewalt ist, ist nicht mehr mein Platz. Noch immer geht die Gewalt vom Staate aus. Ich sehe keinen Gewalttäter auf Demonstrantenseite. Zwar gibt es vereinzelt Leute, denen mein geistiges Vorurteil so etwas zutrauen würde. Aber die Zeit zum Dialog ist verronnen. Ich habe resigniert. Ich rede noch mit Leuten, die ich seit Tagen kenne.

ca. 8.00 Uhr
Die Polizei geht schneller und brutaler voran. So empfinde ich das. Ich erinnere mich noch daran, daß gestern Leute Müll und leere Dosen, die vielleicht gefährlich werden könnten, aufsammelten. Der Acker sah zwar zertrampelt aber weitgehend sauber aus. Wie wird das gleich sein.

ca. 8.30 Uhr
Ich werde langsam frustriert. Die Leute stehen neben mir, die anderen sitzen immer noch friedlich. Wenn einer aufsteht, sagen die anderen „hinsetzen“. Wo irgendein Anzeichen für Eskalation vermutet wird, rufen alle „Aufhören“. Die Polizei ficht das nicht an. Die alte Dame, die über Megaphon ihre Meinung kundtut, sie finde den Wasserwerfereinsatz unverhältnismäßig, geht im Lärm der Helikopter unter. Ununterbrochen fliegen sie seit Tagen und Stunden über das Camp. In der Dunkelheit sah es wie in einem Science-Fiktion-Film aus. Nun ist im Anbruch des Tageslichtes alles deutlicher erkennbar. Ich friere, trotz der vielen Leute fühle ich mich allein. Wäre da nicht noch der Funken Hoffnung in der Seele.

früher Nachmittag
Ich bin eilig nach Hause gefahren und will mich ins Bett legen. Aber Reuters-TV will noch ein Statement von mir. Dann folgt „Dossier“ von ORB, eine Sendung, in der man wenigstens aussprechen kann. Dann noch ein Gespräch mit dem MDR und noch ein paar kleinere Telefonate. Das Leben in Köln will mich wieder haben. Das RTL-Nachtjournal ist sauer, daß ich nicht mehr nachts in die Sendung will. Ich sage noch, daß der Frieden im Wendland diesmal wieder verloren hat und daß ich nicht die einseitigen Gewaltszenen kommentieren will, die ich verhüten helfen wollte. Wer kapiert das schon. Fernsehen ist ja so bequem. Man setzt sich ins Sofa und meckert über die Leute. Meine Mutter rufe ich an, frage, wie es meinen Eltern geht. „Daß Du mit den Verbrechern was zusammenmachst …“ sagt sie. So werden die Leute aufgehetzt.
Das Leben, der Weg geht weiter. „Wer den Frieden mit Gewalt beiseite räumt, bricht der Gewalt eine Bahn“. Eine Erfahrung, keine Drohung.


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