Bist du
dann auch so einer von denen?
von Thomas Brunst
In der Castor-Zeit des Jahres 1996 bin ich per Anhalter durch den Kasseler Raum unterwegs gewesen. Ich stand schon eine ganze Weile im Nieselregen, als endlich ein Fahrzeug anhielt. Ein älterer Herr fragte mich freundlich, ob ich einsteigen wolle. Ich nahm sein Angebot gerne an. Auf der Fahrt hörten wir die Nachrichten. In diesen gab es auch eine Meldung über den Castor-Transport und den damit verbundenen Widerstand. Der ältere Herr sagte: So ein Blödsinn. Ich fragte nach, was er mit seiner Äußerung meinte. Er sagte: Die Ökos sind immer gegen alles. Wir brauchens doch, das Atomzeug. Das ganze Demonstrieren kostet uns Steuerzahler nur Geld. Das sind keine anständigen Deutschen. Mit denen sollte die Polizei kurzen Prozeß machen, dann wäre endlich Ruhe und nicht immer son Zirkus! Als ich ihm deutlich zu verstehen gab, daß ich seine Meinung nicht teilte, fragte er mich: Bist du dann auch so einer von denen? Ich war froh, als ich das Fahrzeug des anständigen deutschen Atomlobbyisten und Nichtdemokraten verlassen konnte. Dieses Gespräch ging mir noch Stunden später im Kopf herum und ich stellte mir die Frage, wie viele Menschen hier im Land wohl gleiche oder ähnliche Ansichten hätten?
Aufgrund vieler Gespräche, die ich über die friedliche Nutzung der Atomenergie und den Castor-Transport geführt oder mitbekommen habe, kann ich sagen, daß der ältere Herr mit seiner Meinung nicht alleine steht und diese keineswegs als Generationskonflikt abgehandelt werden kann. Anfang März dieses Jahres war ich nun auch so einer von denen die ihr Grundrecht auf Demonstration wahrnehmen wollten und nach Gorleben fuhren. Mir fiel positiv auf, daß zwischen vielen jüngeren DemonstrantInnen auch Personen waren, die meine Großeltern hätten sein können. Viele Väter und Mütter waren ebenfalls mit ihren Kindern zum Demonstrieren angereist: alles Menschen, die ihre verbrieften Grundrechte in Anspruch nehmen wollten und kein unappetitliches Pack, wie es Bundesinnenminister Kanther formulierte. Neben der Auffassung, daß nur Ökos auf Demonstrationen gingen, vertrat der ältere Herr ja auch die Ansicht, daß die Castor-Transporte nur deshalb so teuer seien, weil halt demonstriert würde. Diese Meinung schwirrt in sehr vielen Köpfen herum und wird von manchen Politikern unseres Landes auch noch geschürt.
Es kann etwas nicht stimmen, wenn eine private Atomwirtschaft gegen den Willen vieler Menschen nicht nur gegen den der DemonstantInnen handelt, und hierfür den Staat mit seinem Polizeiapparat zur Durchführung dieser rein kommerziellen Interessen mißbraucht. Wenn der Steuerzahler diese Kosten des Transportes und des damit verbundenen Widerstands zu tragen hat muß festgestellt werden, daß hier nicht etwa ein Fehler im System vorliegt, sondern das ganze System der ungelösten Atommüllentsorgung auf kosten des Steuerzahler der Fehler ist. Nie war davon die Rede, wieviel Geld der Widerstand auf Seiten der DemonstrantInnen gekostet hat, und wie teuer es war, die Demokratie im Wendland zu leben. Um so erfreulicher war es für mich miterleben zu dürfen, wie in den Camps organisiert und improvisiert wurde. Da kamen Jugendliche in die Camps, die nur einen Schlafsack und ein paar Mark in der Tasche hatten. Jeder wurde in die Gemeinschaft aufgenommen. Gemeinsam wurden Zelte aufgebaut, wurde gekocht und abgewaschen; Demonstrationsstrategien erarbeitet und ausgeführt. Alle standen sie hinter dem großen Widerstandsprojekt.
In Gesprächen mit den polizeilichen Einsatzkräften ergab sich, daß im Gegensatz zu den DemonstrantInnen viele Beamte nicht hinter Ihrem Auftrag standen. So fiel mir bei Gesprächen mit niedersächsischen Polizisten auf, daß mehr als einmal geäußert wurde: Eigentlich bin ich auch gegen diese Transporte. Von einigen wenigen Polizisten bekam ich zu hören: Ich bin auch hier, weil ich hinter der Energiepolitik unseres Landes stehe! Der ältere Herr, der mich beim Trampen mitgenommen hatte, vertrat ja die Auffassung, daß die Polizei mit den DemonstrantInnen kurzen Prozeß machen sollte, damit endlich Ruhe wäre. Diese Meinung können eigentlich nur Menschen vertreten, die kein Leben in Demokratie möchten oder diese nicht am Leben erhalten wollen. Genau das ist aber auch ein Verfassungsauftrag der Polizei.
Bis heute habe ich keine Antwort auf die Frage bekommen, was denn einen anständigen Deutschen auszeichnet und wo ich solche Menschen finde. Vielleicht in den Regierungen von Bund und Ländern? Ich jedenfalls bin froh, nicht einer von jenen, sondern auch so einer von denen zu sein!