Ein Arbeitspapier zur aktuellen Lage
rund um mögliche neue Castor-Transporte
Stand: 16.1.99
Castor: Stand der Dinge
| Der nach dem Kontaminations-Skandal im Sommer 1998 von der
damaligen Umweltministerin Merkel verkündete Transportestopp bis zur
Aufklärung und Behebung der Ursachen hält noch immer an. Inzwischen liegt
allerdings ein ausführlicher Ursachen-Bericht der GRS (Gesellschaft für Anlagen-
und Reaktorsicherheit) vor, in der auch zwei neue Konzepte vorgestellt werden, um
die Kontamination der Behälter beim Beladen unter Wasser zu verhindern. Ob
diese Verfahren funktionieren, muß jetzt im Praxistest bewiesen werden. Diese
Experimente laufen gerade an. Wie lange es noch dauern wird, die technischen
Probleme bei den Behältern zu beheben, ist im Augenblick nicht abzusehen. Wir
müssen jedenfalls auf alles gefaßt sein. Für einige Kraftwerke gibt es zur Zeit keine benutzbaren Behälter, weil NTL 11 und NTL 3 bei Tests versagt haben und der NTL 10 nach einer Pannenserie ausfällt. Es gibt sogar Informationen, nach denen französische Behälter überhaupt nicht mehr zum Einsatz kommen sollen. In den AKWs Ohu und Biblis stehen leere Behälter schon seit dem letzten Sommer zur Beladung und Transport Richtung WAA bereit. Sie waren kurz vor dem Beginn des Transportestopps angeliefert worden. Die Betreiber haben erklärt, daß sie die Castoren beladen und losschicken wollen, sobald der Transportestopp aufgehoben wird. Anfang Dezember wurden drei leere Castoren vom Typ V/19 nach Neckarwestheim gebracht. Diese Behälter werden nicht zum Transport ins Ausland verwendet, sondern ausschließlich für die Zwischenlager Ahaus und Gorleben eingesetzt. Auch vor dem Transport Neckarwestheim-Gorleben im März 1997 und dem Transport Neckarwestheim-Ahaus im März 1998 waren die leeren Behälter jeweils am Ende des Vorjahres eingetroffen. Offizielle Begründung diesmal: Auf dem Gelände der Herstellerfirma sei nicht mehr genug Lagerplatz. Deshalb werden die Behälter jetzt im schwäbischen AKW "zwischengelagert". Ende Dezember traf ein leerer Behälter in Philippsburg ein. Dort sollen umfangreiche Beladetests mit einer neuen Kontaminations-Schutzhülle durchgeführt werden, mit dem Ziel, die Aufhebung des Transportestopps zu erreichen. Das Gerücht vom Eintreffen eines leeren Behälters in Brunsbüttel wurde von der schleswig-holsteinischen Landesregierung dementiert. In La Hague warten weiterhin sechs beladene Behälter auf den Abtransport nach Gorleben. Die Betreiber haben angekündigt, diesen Transport auf jeden Fall in diesem Jahr durchführen zu wollen. Der für Frühjahr 1999 erwartete Transport von Lingen nach Ahaus ist durch die Ankündigung der AKW-Betreiber, in Lingen ein Zwischenlager bauen zu wollen, unwahrscheinlich geworden. Allerdings soll es irgendwann noch zwei Transporte von Lingen nach Sellafield geben. In Stade ist bekanntlich das Abklingbecken voll. Um den Reaktor nicht in Kürze vom Netz nehmen zu müssen, haben die Betreiber beim niedersächsischen Umweltministerium den Einsatz eines zusätzlichen Lagergestells beantragt, das über den bisherigen Lagervorrichtungen in das Becken gehängt werden soll. Mit diesem Provisorium könnte das AKW ein weiteres Jahr in Betrieb bleiben. Ob der niedersächsische Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD) den Einsatz bereits genehmigt hat, ist bisher nicht bekannt. Bei folgenden AKWs wird in den nächsten 18 Monaten die Lagerkapazität erschöpft sein, wenn es nicht zu Abtransporten oder Stillegung kommt: Stade, Krümmel, Biblis A, Biblis B, Philippsburg 1, Neckarwestheim 1. Außer dem in Lingen bereits konkret geplanten neuen Zwischenlager gibt es erste Überlegungen zum Bau neuer Hallen in Neckarwestheim und Brunsbüttel. (Wahrscheinlich gibt es noch mehr Überelgungen, aber die genannten sind schon bekannt geworden) Fazit: Noch ist kein Transporttermin bekannt, noch hält der Transportestopp an. Aber die Betreiber bereiten sich intensiv auf neue Atommüll-Fuhren vor. Der Zeitdruck wächst. Weitere Neuigkeiten: Die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM), bisher nicht durch kritische Stellungnahmen aufgefallen, hat in Greifswald Belade- und Trocknungsversuche mit Castor-Behältern durchgeführt. Es ging um die Frage, ob Wasser in der Deckeldichtung zurückbleiben kann, was die Langzeitsicherheit der Behälter gefährden würde. Zitat: "Dabei wurden tatsächlich einzelne Wassertropfen zwischen den Ummantelungen der Dichtung festgestellt, obwohl der Trocknungsprozeß des Dichtungszwischenraums zuvor ordnungsgemäß durchgeführt worden ist. Da dieser Befund von grundsätzlicher Bedeutung für alle unter Wasser beladenen Behälter mit diesem Dichtringtyp ist, und derartige Behälter sich bereits beladen in Ahaus, Gorleben und Greifswald befinden, halten wir eine umgehende Klärung der Ursachen, der Auswirkungen und ggf. notwendige Maßnahmen für erforderlich." Zitat Ende. Wäre nur noch darauf hinzuweisen, daß AtomkraftgegnerInnen schon seit vielen Jahren auf dieses Risiko hinweisen und die Betreiber bisher immer erklärten, daß dies nicht möglich sei. Bei Untersuchungen an Castor-Behältern im Zwischenlager Ahaus wurden Arbeiter kontaminiert. Und dies, nachdem die Betreiber noch im Sommer 1998, als überall verunreinigte Behälter auftauchten noch ganz stolz darauf waren, daß bei ihnen nur ein Behälter kontaminiert sei. War wohl nix: Es wurde vergessen, hinter den Schildern mit der Typenbezeichnung zu messen. Aktuelle Presseauswertung Am 13.1.99 haben sich SPD und Grüne auf den Entwurf der im Koalitionsvertrag festgelegten Atomgesetzänderung geeinigt. Neu im Gegensatz zur Vereinbarung vom Oktober ist allerdings die Festlegung, daß die Wiederaufarbeitung nicht sofort verboten wird, sondern noch bis zum 1.1.2000 weitergehen darf. Das Gesetz soll am 27.1. in den Bundestag eingebracht werden. Die erste Konsensrunde mit der Atomindustrie am 26.1. wird sich nach Aussage von Wirtschaftsminister Müller nur um die Entsorgungsfrage drehen. Mit der WAA-Entscheidung ist das Thema Atommüll und Transporte urplötzlich wieder Gegenstand der öffentlichen Debatte geworden und beherrscht die Schlagzeilen der Zeitungen. Das Handelsblatt fast es am 15.1. kurz und knapp zusammen: "Mit dem Verzicht auf die Wiederaufarbeitung im Ausland werden Atommülltransporte in Deutschland und der Protest dagegen wieder zunehmen." In gleich dreierlei Hinsicht stehen in diesem Zusammenhang weitere Castor-Transporte an (einmal von den unabhängig davon geplanten Transporten Rossendorf-Ahaus und Rheinsberg-Greifswald abgesehen): 1. Weitere Transporte aus den AKWs zu den WAAs in diesem Jahr Dieses Thema wird in der Presse totgeschwiegen, aber die Jahresfrist dient ja u.a. genau dazu, die sogenannten "Altverträge" aus den 70er und 80er Jahren abzuarbeiten. Dazu müßten noch einige Dutzend Transporte vor dem Ende des Jahres nach Frankreich rollen. Entscheidend wird hier sein, wie schnell es gelingt, den Kontaminationsschutz zufriedenstellend (für die Behörden) zu lösen. Und entscheidend wird hier natürlich unser Widerstand sein. Es gibt allerdings zwei sich widersprechende Greenpeace-Presseerklärungen zum Thema. In der einen steht: "Die Atommanager werden bis 2000 soviel Brennelemente wie möglich nach La Hague und Sellafield karren. Zahlreiche Atomtransporte durch Deutschland wären die Folge." In der anderen heißt es: "Greenpeace begrüßt, daß die Plutoniumproduktion durch den Stopp der Wiederaufarbeitung ausläuft und keine weiteren Castor- Transporte zu den Wiederaufarbeitungsanlagen in Frankreich und Großbritannien durchgeführt werden sollen." Bezieht sich zweitere auf die Zeit ab 2000 oder gibt es Informationen, daß es keine weiteren WAA-Transporte geben soll? Unklar. 2. Eine erhöhte Zahl von Castor-Transporten aus den AKWs nach Gorleben und Ahaus Schlagzeile auf Seite 1 der Süddeutschen Zeitung vom 16.1.: "Zahl der innerdeutschen Atomtransporte steigt" (Berliner Zeitung, 16.1.) Die Bundesregierung will den Stromkonzernen einen reibungslosen Betrieb ihrer Kernkraftwerke bis zum Ende der noch unbekannten Atomausstiegsfrist garantieren. "Die Ausnutzung zu vereinbarender Restlaufzeiten wird durch das Verbot der Wiederaufarbeitung nicht behindert" heißt es in vertraulichen Anmerkungen der Regierung zum Atomgesetz. Dies bedeutet, daß im Falle eines Energiekompromisses zwischen Staat und Industrie auftauchende Probleme bei der Zwischenlagerung und beim Transport von Strahlenmüll wesentlich großzügiger behandelt werden als bisher. Das Umweltministerium würde als Teil einer "Friedenspflicht" darauf verzichten, daß Atomgesetz gegen die Kraftwerksbetreiber zu wenden und den "ausstiegsorientierten Vollzug" zu praktizieren. Überlaufende Lagerbecken würden akzeptiert, innerdeutsche Transporte in Zwischenlager erleichtert. Hintergrund ist, daß der Ausstieg aus der Wiederaufarbeitung die Atomindustrie von ihrem bislang wichtigsten Entsorgungsweg abschneidet, dem Transport ins Ausland. Neue Zwischenlager direkt beim Kraftwerk, zu deren Bau die Regierung die Stromkonzerne verpflichten will, wird es erst in einigen Jahren geben. Bis dahin stehen nur begrenzt Naßlagerbecken bei den Meilern sowie die Zwischenlager in Gorleben und Ahaus zur Verfügung. Kommt es bei den Konsensgesprächen zu keiner Einigung, könnte Trittin hingegen mit der Schärfe des Atomrechts gegen die Stromkonzerne vorgehen. Der Minister könnte zahlreiche Atomanlagen stillegen, weil sie keine "geregelte Entsorgung" nachweisen können, wie sie das Atomgesetz fordert. (Süddeutsche Zeitung, 16.1.) Die Regierung Schröder muß die Bevölkerung auf
zunehmende Castor-Fahrten in den nächsten Jahren vorbereiten. Die abgebrannten
Brennstäbe müssen nach Gorleben und Ahaus, und das wird der Lackmußtest für die neue
Regierung: Werden die Transporte dann friedlicher ablaufen als in den Jahren |
Bearbeitet am: 17.01.1999/ad